Aufsatz 
Unser Landheim zu Niedernhausen i. O. / Hrsg. Eleonorenschule (Lyzeum und Frauenschule) zu Darmstadt
Entstehung
Einzelbild herunterladen

*

*1

Deutſche Natur erſchien mir immer als ein einfaches, tiefinniges Bürgerkind, wie Gretchen(im Fauſt), die italieniſche Natur wie eine Jungfrau aus königlichem Geſchlechte, eine Iphigenia. Die Bewunderung für den Adel der Königstochter

war in mir höher und höher geſtiegen, aber meine Liebe war das ſchlichte Bürgerkind.

L. Richter.

Wie wir oͤraußen wohnen.

So oft meine Klaſſe auf dem vielgewundenen Weg, der von der Station Groß⸗Bieberau i. O. in lang⸗ ſamer Steigung ins Gebirg führt, dem Landheim zu⸗ wandert, ſondert ſich eine kleine Schar ab, die, trotz des oft recht ſchweren Ruckſacks, im Laufſchritt die Stelle der Landſtraße zu erreichen ſucht, wo plötzlich nach einer Wegbiegung aus einem Kranz waldiger Höhen Schloß Lichtenberg in der Ferne ſtolz aufragt. Das Schloß, einer der ſchönſten Punkte des nördlichen Odenwaldes, beherrſcht die Gegend, und von welcher Seite man auch dem Landheim zuſtrebt, immer grüßt es als lockendes Ziel, wenn ſeine hellen, ſteilen Giebel wände aus dem hügeligen Waldgebiet aufkauchen. An den Oſtabhang des Schloßbergs geſchmiegt, gleich⸗ ſam eingebettet in die letzten Ausläufer des Schloß⸗ parks, liegt unſer Landheim an einem landſchafflich bevorzugten Plätzchen, als letztes Anweſen des Dorfes. Die Lage könnte für unſere Zwecke nicht günſtiger ſein. Ein Schritt vors Tor, und wir haben die Möglichkeit, in Feld und Wald hineinzuwandern, ohne eine menſchliche Behauſung zu ſtreifen. Andrerſeits erleichtert die Nähe des Dorfes die Verſorgung mit Lebensmitteln und fördert den freundſchaftlichen Ver⸗ kehr zwiſchen Jugend und Landvolk.

Ein zweiſtöckiges Fachwerkhaus iſt's, ſchmuck und ſtattlich, an der Giebelſeite grünumwachſen, im übrigen geſchindelt. Der freundliche große Hof, durch Zaun und Buſchwerk von der Nachbarſchaft abgeſchloſſen, lädt die Jugend zum Tummeln ein, und um den Apfelbaum in der Mitte, deſſen Ertrag uns pacht⸗ weiſe überlaſſen iſt, wird mancher frohe Reigen ge ſchlungen. Die Schaukel lockt vor allem die kleinen Beſucher, die ländlichen Bänke aber in den lauſchigen Ecken und das Gartenhaus in dem kleinen Nutz- und Blumengarten ſind Zeugen mancher Backfiſchunter haltung und mancher ernſthaften Erörterung unter den reiferen Jahrgängen. Im Sommer werden auch die Mahlzeiten im Hof eingenommen und zwar auf einem recht rohen Tiſch, der nach guter alter Sitte am Schluß der Mahlzeitaufgehoben wird. Ein verſtecktes Treppchen führt vom Hof an den Nebenrãäumen vorbei zu einer kleinen geſchützten Wieſe, einem idealen Plätzchen für Sonnenbäder.

A*

70

Eine Steintreppe mit weißem Geländer, die ſich oben zu einer kleinen Veranda erweitert, führt zum hoch gelegenen Erdgeſchoß. Wir betreten einen für länd⸗ liche Verhältniſſe geräumigen, ſauber geplätteten Vor⸗ platz, deſſen eine Ecke als Wohnecke eingerichtet iſt, bei ſchlechtem Wetter ein Plätzchen für geſelliges Bei ſammenſein nach den Mahlzeiten, bis die Küche, die doch zugleich Tagesraum ſein muß, wieder ordnungs⸗ gemäß hergeſtellt iſt. Abends nach Tiſch werden in derDiele auch Tanzverſuche gemacht zu ſehr primitiver Muſik!

Die Wohnküche iſt ein langgeſtreckter, hellgetünchter Raum, in dem drei wachstuchbezogene Längstiſche mit ca. 20 25 Stühlen Platz haben. Eine etwa 1 m hohe farbige Holztäfelung mit breitem Geſims, auf dem Feldſträuße und bunte Bauernteller prangen, gute Bilder und bunte Kattunvorhänge geben dem Raum einen wohnlichen Charakter. Tiſche, Stühle und die größeren Bilder gehören zum Haus inventar; Herd, Küchenſchrank, Spülbank und die ge ſamte Innenausſtattung ſind Eigentum der Schule, urſprünglich aus Freundes-, Lehrer- und Schülerinnen⸗ kreiſen geſtiftet, im Laufe der Zeit aus der Landheim kaſſe ergänzt. Es wäre ſelbſtverſtändlich wünſchenswert, wenn Küche und Wohnraum getrennt wären, da bei ſchlechtem oder kaltem Wetter die jungen Köchinnen durch die Aeberfüllung des Raumes in der Ausübung ihrer Hausfrauenpflichten oft recht behindert ſind. Und doch war es gerade die Verbindung von Küche und Wohnraum, die es uns in der ſchweren Zeit der Kohlenknappheit ermöglichte, den Betrieb faſt un⸗ unterbrochen aufrecht zu erhalten.

Gegenüber der Wohnſtube, auf der anderen Seite derDiele, liegt der eine große Schlafraum(12 Betten) mit zweifacher Fenſterreihe nach Oſten und Süden. Hellfarbige Wände mit buntem Fries, duftige Vor⸗ hänge, Märchenbilder, in der Ecke eine alte Bauern ſtanduhr. Die eiſernen Bettſtellen ſind paarweiſe durch große, hellgeſtrichene Nachttiſche getrennt, beides aus ehemaligen Militärbeſtänden erworben. Morgen⸗ toilette wird auf einer Waſchbank gemacht, für deren Dürftigkeit ein großer Spiegel einigermaßenentſchädigt. Die urſprünglich recht armſeligen Strohſäcke ſind