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tage; dann fuhr er nach Butzbach weiter. Mein Onkel Joſt war kurz vorher von Volxheim nach Griedel bei Butzbach verſetzt worden. Dort blieb mein Vater, bis die Prüfung vorbei war. Viele hatten ſich gemeldet; nur 50 ſollten genommen werden; alſo hieß es:„Nimm alle Kraft zuſammen, die Luſt und auch den Schmerz“. Als die Prüfung zu Ende war, ſagte der Direktor:„Geht heim, wer beſtanden iſt, bekommt eine Juſchrift, die Nichtbeſtandenen keine“. Vierzehn Tage: Hangen und Bangen in ſchwebender Pein. Endlich traf der Brief von Frieèberg ein. Die meiſten Aengſte hatte ich in der Rechtſchreibung. Ich ſchrieb, wie es in unſerem Schulleſebuch für Tebensbilder gedruckt ſtand, ſogenannte alte Orthographie. Aeltere Seminariſten, die ich in Frieoͤberg zufällig ſprach, rieten, ich ſollte die Orthographie nehmen, die im Seminar⸗ leſebuch(Wackernagel) gebraucht wurde; dann ſollte es noch eine 3. geben, die war mir ganz unbekannt. In der erſten Rechtſchreibeſtunde hörten wir vom Katheder die Worte:„Nicht einer hat in der Aufnahmeprüfung ohne Fehler geſchrieben.“ Wie klein wurden wir 44. Ich hatte 3 Fehler gemacht: Brot mit„d“; tun und Träne mit„h“ geſchrieben. Im Jahr 1867 ſchrieb man ſo; im Leſebuch war es ſo zu ſehen. Jetzt iſt Brot härter geworden, alſo„t“; weiche Tränen gibt’s nicht mehr, alſo„h“ weg; nur„Chron“ iſt weich geblieben und hat ausnahms⸗ weiſe das„h“ behalten. Die tiefſinnige Begründung dazumal konnte ich nicht recht verſtehen; ſie lautete: Auf dem Thron ſitzt man weich und ſicher, daher ein„h“. Der Weltkrieg hat jedoch gezeigt, daß man auch auf dem Thron nicht weich und ſicher ſitzt. Anfangs auf unſerem Heft⸗ rand rote Striche; nach einigen Stunden war er rotſtrichfrei. Wie kam das? Ein Altburſche (Schüler der 1. Klaſſe) gab mir nämlich den praktiſchen Rat: Wörter, die in Frieoberg anders geſchrieben werden, merkt man ſich, ſchreibt ſie richtig auf ein Blatt, dann gibt es bald keine Fehler mehr. Den Rat befolgte ich und andere mit mir; das half. Enoͤlich kam zur Beruhigung der orthographiſchen Gedanken das Rechtſchreibeheftchen. Jetzt wußte man ohne Begründung, wo ein„h“, wo keins zu ſtehen hat; was groß, was klein, ob die Nachſilbe„jeren“ mit oder ohne„e“ zu ſchreiben iſt und anderes mehr. Der gedruckte Aufnahmeſchein hatte den Vermerk, ſich an einem beſtimmten Tage im Seminar einzufinden und an den Koſtrechner(Wahl) 30 Gulden als Vorlage für die Koſt einzuzahlen. Ich war reiſefertig. Der Großvater(Vater der 2. Mutter) ſpannte das Pferd ein und fuhr den älteſten Enkel mit ſeinem Gepäck nach Mainz; von dort gings mit der Bahn nach Frankfurt— Friedberg. Unterwegs kamen andere Seminariſten— alte und neue— dazu, ſo daß wir in großer Zahl in Frieoͤberg ausſtiegen. Die beiden Seminardiener Briel und Fink holten das Gepäck ab, und wir„Neuen“ zogen im Seminar ein. Ich kam mit 4 anderen Kameraden in den 2. Stock nach Nr. 31. Schiefe Wände, Balken durchzogen das Zimmer, 5 eiſerne Bettſtellen ſtanden ringsum, Matratzen und Kopfkeile lagen darinnen. Jetzt die Betten und Kiſſen aus der Kiſte, die inzwiſchen von der Bahn an⸗ gekommen war, genommen, ausgebreitet, wie ich es bei Mutter oft geſehen, aber nie geübt hatte. Uach und nach bekam man Gewandtheit in dieſer Kunſt; Kiſte, richtig verſchloſſen, blieb im Zimmer; Körbe kamen auf den Speicher; Kleider in einen Schrank. Jedes Zimmer hatte einen; dieſer ſtand auf dem Gang; wöchentlich wurde mit dem Schlüſſel unter den 5 Zimmerbewohnern gewechſelt. Mindeſtens alle 4 Wochen mußte vorſchriftsmäßig mit der Bettwäſche gewechſelt werden. Die Blechwaſchſchüſſeln ſtanden entweder unter dem Bett oder auf dem Zimmerbalken. Man hatte meiſt eiſerne Bettſtellen gewählt, weil ſich darin weniger Wanzen aufhalten konnten als in den vereinzelt vorhandenen hölzernen. Samstags wurden im Sommer die Bett⸗teile aus⸗ einander genommen und wegen der Wanzen mit Mutterlauge beſtrichen. Wir ſchmierten gründ⸗ lich und hatten balé Ruhe.
Für Abendeſſen war am erſten Tage nicht geſorgt. Man ſaß vor ſeiner Kiſte; die Mutter hatte manches Beſondere hineingepackt; auch zu unterſt ein großes Stück Brot gelegt, damit ſich das Heimweh nicht einſtellen ſollte. Da ſaßen wir 5 in Nr. 31, jeder auf einem Bänkchen— Stühle waren nicht vorhanden— und kauten tapfer darauf los. Die Anterhaltung drehte ſich hauptſächlich um den Seminaranfang morgen. Man verſtand ſich anfänglich ſchlecht: 2 Rhein⸗ heſſen, 1 Vogelsberger, 1 Odenwälder, 1 Wetterauer: biſchde, hoſchde feuchtes Heu, nä, woar naut ſchien uſw.— eine herrliche Schule, baldé hochdeutſch zu ſprechen; denn dieſe Sprache verſtand doch jeder. Plötzlich kamen, natürlich ohne anzuklopfen, 4 Erſtkläſſer herein; einer hatte Bleiſtift und ein Blatt Papier in der Hand. Unſere Namen wurden aufgeſchrieben und dahinter unſere Spitznamen. Man nannte das„die Taufe“. So heißt Du jetzt, hieß es. Dann ſagten ſie uns die Spitznamen der TLehrer und drohten,„wer die richtigen Namen gebraucht, bekommt gehörige Hiebe, merkt’'s Euch“. Das fängt gut an, dachte ich. Doch ſo gefährlich wurde es nicht. Nach 3 Wochen hörte man nur hie und da einen Spitznamen.


