Aufsatz 
Rede bei der Einweihung des neuen Realschulgebäudes zu Friedberg am 19. August 1869
Entstehung
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welche als Kinder hier träumend und ein junges Leben froh entfaltend geweilt, haben das Bedürfniß der neuen Zeit und der Zukunft anerkannt und ihre Stimme erhoben und abgegeben für die Umwandlung des Alten in eine neue Geſtalt; und wenn ſie auch damit liebe Erinnerungen aus ihrem Herzen geriſſen, ſo haben ſie doch dadurch ein Verſtändniß für die Forderungen der jungen Welt, welcher ja die Zukunft gehört, bethätigt und darum ſind wir zur Aeußerung der Freude berechtigt, und wollen hiermit unſern Dank ausſprechen für die Bereitwilligkeit des verehrlichen Stadtvorſtandes, durch welche er die Herſtellung unſres neuen Banes ermöglicht hat. Ein ſtattliches Haus erhebt kühn ſeine Giebel in die freien Lüfte und ſchaut hinaus in die geſegneten Fluren unſres Vaterlandes. Statten wir darum auch der Baubehörde und insbeſondere dem ausführenden Baumeiſter, Herrn Acceſſiſten Schnitzel unſern Dank ab für dieſes ſchöne Gebäude, das er mit Luſt und freilich anfangs auch mit bebendem Herzen aufgeführt hat. Ein andres Denkmal ſtehe es da für kommende Geſchlechter; möchten ihm glücklichere, friedlichere Zeiten und Geſchicke beſchieden ſein als dem früheren, das uns mit ſeinen grauen Mauern an böſe Tage gemahnte. Siechkranke an ſchlimmer Seuche hatte es 2mal(1758 und 96) in ſeinem Schooße beherbergt, die nicht gerade der liebevollſten Pflege theilhaft wurden, da eine grauenvolle Kriegszeit zum Theil die Herzen verhärtet, zum Theil eine ſorgſamere Behandlung bei den ſich drängenden Ereigniſſen unmöglich gemacht hatte. Todesröcheln durchdrang die Räume, die ehemals den Tafelfreuden der Mönche gewidmet waren. Und nochmals in der jüngſten Zeit(1866) hatten wandernde Marsſöhne an dieſer friedlichen Stätte ihre ermüdeten Glieder ausgeruht und tönte Roſſewiehern in den Hallen, die ſonſt von dem Jubel der fröh⸗ lichen Jugend erfüllt waren. Mögen ſolche Erſcheinungen in Zukunft unmöglich ſein; möge die Erkennt⸗ niß mächtig werden, daß die Wohlfahrt der Völker nur durch das ſtille Wirken einer raſtlos ſich ver⸗ vollkommnenden Menſchheit geſchaffen werde, und nur durch den Frieden allein dieß Ziel erreicht werden könne. Dazu beizutragen iſt Sache der Schule, deren Aufgabedie Humanität zu fördern, nur durch ein unausgeſetztes Streben nach richtiger Erkenntniß der Dinge um uns und in uns erfüllt werden kann. Freuen wir uns daher, daß durch die neue Einrichtung unſrer Schule wieder eine Gelegenheit mehr geboten iſt, dieſem Ziele uns zu nähern. Mit jedem Schritte, den man demſelben näher rückt, muß man ſich auch gehoben und freudig geſtimmt fühlen, indem man ſich gewiß glücklich preiſen muß, etwas mit beitragen zu können zur Wohlfahrt der Menſchheit.

Welchen Wandel haben Leben und Wiſſenſchaft durchgemacht ſeit der Zeit, wo zum erſtenmale die an dieſer Stelle geweſenen Räume einer Feier der Eröffnung(1562*) gedient. Eng begrenzt war der Geſichtskreis der damaligen Zeit, enge wie die Zellen, in welchen früher die Bewohner jener Räume ein⸗ geſchloſſen waren; gering die Begriffe von Humanität bei den Menſchen jenes Zeitalters; roh die Ge⸗ ſtaltung des Lebens in Folge dieſer mangelnden Erkenntniß; Wiſſenſchaft war kaum vorhanden; das, was man Wiſſenſchaft nannte, konnte auf den Namen Viſſenſchaft keinen Anſpruch machen, weil es kein Wiſſen ſchuf, ſondern nur ein Zehren an altem geringem Erbgute war, welches man von längſt dahingegangenen Jahrhunderten überkommen hatte. Kaum hatte man noch das Ziel aller Wiſſenſchaft erkannt:unbeirrt und alle Schranken durchbrechend die Wahrheit zu ſuchen; man ſchaute nicht vorwärts, ſondern rück⸗ wärts. Erſt unſer Jahrhundert hat den Begriff der Wiſſenſchaft erfaßt und klar hingeſtellt; ſeitdem ſind Wiſſenſchaften, d. h. Zweige des allgemeinen Wiſſens, entſtanden, von denen man in früheren Zeiten keine Ahnung hatte und auch nicht haben konnte. Mit Rieſenſchritten wächſt auch das Gebiet einer Wiſſen⸗ ſchaft, und faſt ſchon ſind wir dabei angelangt, daß von Einzelnen nur noch einzelne Zweige einer Wiſſen⸗ ſchaft gepflegt werden können, keiner mehr das geſammte Gebiet einer Wiſſenſchaft umfaſſen kann. Aus Armen ſind wir Reiche, überreich geworden. Was der Geiſt grübelnder Denker entdeckt, wird faſt in demſelben Augenblicke zum Wohl der Menſchheit verwandt. Die Erfindungen und Entdeckungen werden von der Wiſſenſchaft geleitet und verwerthet; die Segnungen der freien Forſchung und des kühnen Stre⸗ bens nach Wahrheit ſind kaum zu nennen und zu ſagen. In den Weltraum dringt der Blick des Menſchen und unterſucht die entfernteſten Himmelskörper, wie die Gegenſtände ſeiner Umgebung. Man