Aufsatz 
Rede bei der Einweihung des neuen Realschulgebäudes zu Friedberg am 19. August 1869
Entstehung
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zwingt auf dem Gebiete der Mathematik die abstracten Zahlen zum Dienſte der leidenden Menſchheit; Armuth, Krankheit, der unerbittliche Tod werden von den Zahlen beſiegt. Man bietet dem elenden Bruder wirkliche Hilfe in Vereinen, welche die Zahl als Vorſitzerin leitet. Die erforſchten Natur⸗ geſetze verbinden Völker zu Familien, vereinigen die Bewohner des ganzen Erdballs zu einer Gemeinde. Man zwingt den Gedanken auf metallenen luftigen Pfaden faſt in ſeiner angebornen Schnelle die Länder zu durcheilen; wer will ihn noch hemmen?

Alles aber dient dem ſittlichen Wohlergehen der Menſchen; die Wiſſenſchaft wird von der groͤſten Liebe zur Menſchheit getragen und bewegt; ſie ſchließt Niemanden von ihren Segnungen aus; und es iſt keins der kleinſten Verdienſte der Schule, daß ſie die Jünger der Wiſſenſchaft heranbildet; und lohnend i*ſt ſicherlich das Bewuſtſein, zu einem ſolch edeln Zwecke nach ſeinen Kräften mitgeſtrebt zu haben. Ja, es iſt ein herrlicher Lohn, welchen das Bewuſtſein nach Wahrheit geſtrebt zu haben verleiht.

Und die Jugend ſoll lernen, wie man ſich vorbereitet zum Dienſte der Menſchheit durch unermüd⸗ liches, ernſtes Streben nach Kenntniſſen und Erkenntniß, damit alle nach dem Maße, wie ihnen die Gaben zum Austheilen verliehen ſind, getragen von hoher Begeiſterung für das Wahre, Edle und Schöne, in uneigennütziger Aufopferung, zum Wohlergehen der Mitmenſchen und der Nachwelt das Ihre beizutragen nicht ablaſſen mögen. Der wahre Werth des Menſchen ſoll und kann ja nicht nach dem Wieviel bemeſſen werden, ſondern nach dem Wie, nach der Freudigkeit, mit welcher er in rechter Begeiſterung dem Ideale zugeſtrebt:ein wahrer, edler und ſchöner Theil des Ganzen zu werden in dem Sinne, wie es der edelſte unſrer großen Dichter, Schiller, gemeint hat, und wie es ſchon die alten Griechen, dieß Volk von ſchönen Menſchen, mit ihrem Ausdrucke Kalokagathie bezeichnet haben. Ja dieſe Kalokagathie iſt das eigentliche Ziel aller Bildung, dieſes Ebenmaß aller Thätigkeiten des inwendigen Menſchen, das ſich ſchmucklos wie die Wahrheit,den andern ergreifend wie das Edle,in ſich harmoniſch lieblich wie das Schöͤne zeigt.Schmucklos d. h. den Werth in ſich ſelber tragend, iſt der Menſch, der wahr iſt; eine Erſcheinung, die leider einzelnen Zeiträumen abhanden gekommen iſt. Nur das Unwahre bedarf der verhüllenden, verbergenden, aber darum entſtellenden Zuthat.Den andern ergreifend iſt der edle Menſch; er erſcheint ſeiner Umgebung wie ein höheres Weſen, dem ſelbſt der ſchlechteſte ſeine Bewunderung nicht verſagen kann; ihn packt dieſe Erſcheinung mit dämoniſcher Gewalt; er wird wider Willen ergriffen und zum Beſſeren hingezogen. Das Seltenſte von den dreien iſt aber die Seelenſchönheit. Wie alle Schönheit ein faſt unerklärbares Etwas iſt, das nur von den Bevorzugten der Menſchheit ganz empfunden, geſchätzt und geliebt wird, ſo wird auch der ſchöne Menſch in jenem Schillerſchen Sinne eine wunderbare Erſcheinung ſein, welcher die Herzen in unbewuſter Zuneigung ent⸗ gegenſchlagen. Ein ſolcher Menſch wird veredelnd wirken und rückwärts die Liebe zur Wahrheit in der Bruſt andrer entzünden. Eins mit dem andern die drei im Verein das höchſte Gut der Menſchheit. Die Wahrheit mit dem Wiſſen; das Cdelſein mit der hingebenden Liebe zur Menſchheit; die Schönheit als die harmoniſche Vereinigung der beiden.

Solches ſind die Ziele, welche die Schule zu zeigen hat. Darum Freude über jeden Ausbau der Schule, ſei es ein äußerlicher oder ein innerlicher, oder beides, wie wir es heute begrüßen. Glücklich preiſe ich mich, der College von einem Kreiſe von Männern zu ſein, die, von ihrer hohen Aufgabe erfüllt, ſtets in ſelbſtbewuſter Führung ihres Berufes dem hohen Ziele zugeeilt ſind. Laſſen Sie, meine Herrn jüngeren Collegen, dieſe ihre älteren Amtsgenoſſen ſich ein leuchtendes Vorbild auf ihrem Lehrerpfade ſein, und laſſen Sie uns alle zuſammen einen Verein gleichgeſtimmter und gleichbeſtrebter Mitarbeiter an der Aufgabe der Schule darſtellen wir werden dann mit zu den Wohlißztern der Menſchen zählen dürfen Heil und Segen unſrer neuen Schulel!!