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IV. Rede bei der Einweihung des neuen Realſchulgebändes zu Friedberg am 19. Auguſt 1869,
Lez Elteu von Dr. Möller.
Zu allen Zeiten, Verehrte Anweſende, ſind Worte geſchrieben und geſprochen worden, welche den „Wechſel der Dinge zu ihrem Gegenſtande hatten. Leid und Freude drückten dieſelben aus über dieſe Erſcheinung, die ſich von Uranfang bis heute ſtets wiederholt hat und von jetzt in alle Zukunft ſtets wiederholen wird. Hatte der Klagende recht, wenn er dem Schwindenden wehmüthige Blicke und Seufzer nachſandte; war der Frohlockende berechtigt, der neues aus alten Trümmern entſtehendes Leben mit Jubel begrüßte? Einem jeden von beiden wollen wir Gerechtigkeit widerfahren laſſen; ein jeder von ihnen findet für den Ausdruck ſeiner Gefühle bei dem Wohlwollenden Entſchuldigung und An⸗ erkennung. Die Empfindungen des menſchlichen Herzens ſind eben bei den Erſcheinungen des Lebens verſchieden. Wir wollen die Klage des Einen ehren und in die Freude des Andern von ganzer Seele einſtimmen. Warum ſollte beides nicht friedlich neben einander beſtehen können? Wen ergreift es nicht mit maͤchtigem Weh, wenn er Liebes von ſich geſchieden ſieht? Und dem wollten wir nicht geſtatten ſeinem Schmerz Ausdruck zu verleihen, der ähnliche Gefühle mit uns empfindet? Wer aber hätte noch keine innige Freude darüber gehabt, wenn etwas Großes vor ſeinem ſtaunenden Blicke entſteht? Und der Gleichgeſtimmte ſollte ſeinen Jubel nicht ausſtrömen dürfen aus dem entzückten Herzen hinaus in die friſchen, freien Lüfte?— Winter und Frühling erfüllen alljährlich unſre Bruſt mit dieſen entgegengeſetzten Gefühlen; aber auch menſchliche Einrichtungen greifen mit demſelben Wechſel in den Buſen des gefühl⸗ vollen und denkenden Menſchen. Gewiß war die Zeit der Burgen in mancher Beziehung eine poetiſche, und den Dichtern dieſer ſinkenden Zeit eine Klage ob ihres Hinſcheidens geſtattet. Ihre Hallen ſind ver⸗ ſchwunden, nimmer toͤnet Schild noch Speer. Dagegen ſind andre Erſcheinungen einer neueren Zeit aufgetaucht, und mit ſtolzer Freude blicken die Enkel jener Geſchlechter aus den grauen Thuͤrmen auf die Dinge, welche uns umgeben. Jahre kommen und ſchwinden, Geſchlechter ſteigen ins Grab, doch zu immer größerer Vervollkommnung ſchreitet die menſchliche Geſellſchaft. Und wenn man auch dem früheren Zu⸗ ſtand nachweinen mag, ſo wäre es doch thöricht Entſchwundenes zurück zu erſehnen. Die Todten kommen nimmer wieder, nur der Lebende hat Recht.
Auch hier iſt ein Stück Alterthum vernichtet; wir haben ein altes, ehrwürdiges Gebäude bis auf den Grund abgetragen. Wie viele Jahre waren über dieſen Bau hingegangen; gute und böſe Zeiten hatte er geſehen. Manche Erinnerungen, Erinnerungen an ſchöne, fröhliche Zeiten knüpfen ſich an dieſe alten Mauern auch bei dem jetzt lebenden Geſchlecht. Eine ſelige Zeit wurde in ihnen verlebt, die Zeit der ſorgloſen Jugend, des friſchen, frohen Strebens nach Wahrem, Edelem und Schönem. Eine Zeit, wo das Kind vertrauensvoll den Wünſchen geliebter Eltern nachlebte, eine Zeit, wo die Jugend, erfüllt von hohen Idealen, ſich vorbereitete zum tüchtigen Kampfe für das ſchaffende Leben. Jene Räume waren Zeugen aufrichtiger, edler Beſtrebungen und Gelübde, und an ihnen hiengen die Herzen vieler Hunderte von unſern Mitbürgern. Ihre gerechte Trauer über das Verſchwinden dieſer ſtillen Zeugen wollen wir ehren.—
Allein es iſt die Vernichtung des Alten nicht aus blinder Zerſtörungswuth herbeigeführt worden, die früher ſo oft Schönes und Herrliches niederwarf, wie denn auch unſer bisher benutztes Gebäude ſich 1697(nach der einen an unſerm Giebel angebrachten Tafel) auf den Manerreſten des gegen Ende des XVII. Jahrh. abgeriſſenen Auguſtinerkloſters erhoben hatte;— ſondern derſelbe Zweck, dem das alte Haus zuvor gedient, ſoll auch ferner hier erfüllt werden, aber in weiterer Ausdehnung, entſprechend den erhöhten Anforderungen einer fortgeſchrittenen, auch hohen Idealen nachtrachtenden Zeit. Dieſelben Leute,


