7. St. Goar.
Der Ort St. Goarshausen hält auch in unserem Land die Erinnerung an den heiligen Goar wach, der in der letzten Hälfte des 6. Jahrhunderts in der Gegend von St. Goar zwischen Boppard und Oberwesel’ gelebt hat und sich auch um die Ausbreitung des Christentums in den dortigen Gegenden sowie in den benachbarten Gebieten von Brau- bach, Nastätten, Nassau, Diez und Langenschwalbach verdient gemacht haben soll. Aus der Zeit Pippins wird die Zelle des seligen Mannes Goar bezeugt. Die Lebensbeschreibung aber, die im 9. Jahrhundert ein Mönch des Klosters Prüm in der Eifel von ihm schrieb, ist ganz sagenhaft..
Nach ihr stammte der heilige Goar aus Aquitanien und war von vornehmer Her- kunft. Seine Eltern hießen Georg und Valeria. Sie erzogen ihren Sohn in aller Fröm- migkeit, so daß er bald anfing, an der Welt kein Wohlgefallen zu finden. Daher be- schloß er, fern von seinem Vaterland und seinen Verwandten Gott zu dienen. Obwohl er schon zum Priester geweiht war, wählte er sich in der Trierer Dizese einen einsamen Platz aus. Dort erbaute er sich mit Einwilligung des Trierer Bischofs Fibicius eine Einsiedelei und eine Kapelle, widmete sich aber nicht nur der Privaterbauung, sondern auch dem Seelenheil und der gastlichen Pflege vorüberziehender Wanderer. Auch machte er sich um das leibliche Wohlergehen der Bewohner jener Gegend verdient, indem er sie den bis dahin unbekannten Anbau der Rebe und mancher Gartengewächse lehrte und sie in einer verbesserten Bauart ihrer Boote unterwies. Diese Vereinigung von beschau- licher und tätiger Lebensweise, seine Freigebigkeit und jedermann wohlwollende Ge— sinnung machten ihn weit und breit bei den armen Leuten berühmt, deren Körper er er- quickte, um die Seelen für Gott zu gewinnen.
Während er aber so seine Gäste und die vom Wege Ermatteten reichlich mit seinen Gütern versorgte, wurde er durch mancherlei Verleumdungen verfolgt; denn die meisten konnten sich seine mildtätige Liebe gegen Arme und Fremde nur als Hang zur Ver- schwendung und Uppigkeit erklären. Daher schickte der damalige Bischof von Trier namens Rusticus ¹) zwei Geistliche ab, um die Sache zu prüfen und den Mann Gottes nach Trier vorzuladen. Goar empfing sie mit gewohnter Gastfreundschaft. Sie aber Ver- schmähten, etwas bei ihm zu genießen, und wären nun auf der Rückreise vor Hunger ge- storben, wenn nicht Goar zwei Hirschkühe herbeigerufen und mit deren Milch die beiden Priester erquickt hätte. In Trier wurde er von dem Bischof sehr unfreundlich empfangen; man forderte ihn nicht einmal auf, seinen Mantel abzulegen. Da tat Goar dies aus freien Stücken und hängte den-Mantel an einem Sonnenstrahl auf. Noch andere Wunder vollbrachte er zum Beweise seiner Unschuld, so daß Rusticus selbst vor dem Heiligen auf die Kniee fiel, ihn um Verzeihung bat und sich bereit erklärte, wegen seiner eigenen groben Sünden 7 Jahre lang Buße zu tun. Der Heilige verzieh auch dem Bischof und versprach ihm sogar, die 7 jährige Buße mit ihm teilen zu wollen.
Als dies der König Sigbert von Austrasien erfuhr, ließ er den heiligen Goar kommen, um ihn zum Bischof von Trier zu machen. Dieser aber erlangte in unaufhörlichem, 2Otägigem Gebet von Gott, daß er am Fieber so heftig erkrankte, daß er 7 Jahre lang die Stelle nicht annehmen konnte. Das war die Zeit, welche Goar dem Trierer Bischof für
²) Einen Bischof dieses Namens hat es damals in Trier nach Ausweis der Bischofslisten nicht ge- geben. Damit fallen allein alle mit ihm in Verbindung stehenden Erzählungen in den Bereich der Sage.
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