Aufsatz 
Proces / Franz Kafka ; priredio Zlatko Crnković
Entstehung
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zugesprochen wurde. Der soziale Charakter der Kongregationen führte ihnen viele An- gehörige der niederen Kreise zu, die dort neben der Befriedigung ihrer seelischen Be- dürfnisse mancherlei Halt suchten und die Möglichkeit, eine gewisse Rolle zu spielen. Daß keine Frauen aufgenommen wurden, ist aus der antiken Schätzung des Weibes erklärlich, bedeutet aber einen großen Nachteil für den ganzen Kultus.

UÜber den Gottesdienst selbst gibt uns ein neuerdings in einem Zauberpapyrus aufgefundener Text Auskunft. Er ist bis jetzt der einzige, der uns eine genaue Liturgie der Mysterienkulte vermittelt. Versetzen wir das dort Berichtete in eine der vielen in der letzten Zeit aufgefundenen Mithrasgrotten hinein, so ergibt sich folgendes Bild.

Der Endabsicht der Feier, die Seele des Mysten in der Ekstase die Himmelfahrt zum Mithras erleben zu lassen, dienten eine ganze Reihe von Gegenständen, die in der Grotte angebracht waren. Da waren Abbildungen der Wesen, die auf dieser Fahrt passiert werden sollten: die Elemente, die Planeten, die Fixsterne, der löwenköpfige, von Schlangen umwundene Aceon, der aus einer verborgenen Röhre Feuer spie, endlich der stiertötende Mithras selbst, der am Schluß, von Lampen und Fackeln grell beleuchtet, hinter dem Vorhang hervorkam. Musik, effektvolle Beleuchtung, die Schar der in selt- same Masken und Gewänder gekleideten Diener des Gottes, die auf Seitenbänken knieten, endlich ein berauschender Trank, umnebelten die Sinne des Gläubigen, daß er zu erleben glaubte, was die mystische Zeremonie an ihm zu vollziehen vorgab, nämlich die Auffahrt durch die Planeten- und Fixsternsphäre zu Helios und durch seine Vermittlung zum höchsten Gotte. Prachtvolle Gebete von hohem, feierlichem Schwung, voll tiefen Sehnens nach Erlösung aus der bitteren Not und nach Vereinigung mit dem seligen Reiche des Lichtes, wechseln mit allerlei seltsamen Riten ab, wie etwa dem Pfeifen, Schnalzen und Brüllen beim Anblick der Götter. Die ganze Liturgie zeigt eine seltsame Mischung von platonisch-stoischen und chaldäisch-astrologischen Gedanken mit einer grotesken auf das sinnliche Bedürfnis der Masse berechneten Phantastik. Aber aus all dem krausen Wust spricht doch mitunter die Sehnsucht nach Erneuerung und Ewigkeit, wie sie die damalige Welt erfüllte. Das Renatus in aeternum(Auf ewig wiedergeboren), das auf vielen Inschriften von Mysteriengläubigen gesagt ist, bezeugt, daß mancher in diesen Weihen die Erlösung von der Welt und den Mingang in das selige Lichtreich der Götter erlebt zu haben glaubte.

Darum können wir es uns auch wohl erklären, daß manche alten Kirchenlehrer wie Justin und Tertullian gerade durch die mithräische Religion in eine große Aufregung versetzt wurden. Glich sie nicht in so vielen Stücken der christlichen? Gab es nicht auch dort 7 Sakramente, darunter Taufe, Konfirmation und heiliges Abendmahl? Gab es nicht auch dort Asketik, Erlösung und einen Weg zur Unsterblichkeit? Wußten sich nicht auch die Mithrasgläubigen als Soldaten ihres Gottes und untereinander als Brüder? Eine solche Konkurrenz konnte nur der Teufel gemacht haben, indem er die Heilig- tümer der Kirche nachahmte!

Uns aber sind diese Ahnlichkeiten ein Beweis für die alte Wahrheit, daß»Gott dem Menschen die Ewigkeit ins Herz gelegt hat« und daß diese religiösen Formen, in denen der Mensch sein Bedürfnis und sein Ringen nach ewiger Seligkeit ausgedrückt hat, mehr sind als bloß zufällige geschichtliche Erscheinungen.

Meist nach Cumont-Niebergall.