Aufsatz 
Denkschrift zur Feier des hundertjährigen Bestehens des Ernst-Ludwigs-Seminars zu Bensheim : Hundert Jahre Seminar. Schülerverzeichnis /
(Nach Urkunden bearb. von [Johannes] Ledroit)
Entstehung
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und rechtſchaffen wandeln und beſonders in dieſer Beziehung als känftige Lehrer ein Muſter unbeſcholtenen und frommen Lebens werden.

1 Die Grundſätze für ihre Bildung als künftige Schullehrer, welche als Grundlage aller Lehrgegenſtände und als Handbuch des eigentlichen Erziehungs⸗ und Materrichtefache⸗ in das Inſtitut aufgenommen wurden, ſind eben ſo weit entfernt von dem niedrig Crivialen als von zu hoher Ueberſpannung. Keinem Syſtem huldigen ſie. Sie prüfen alles, behalten das beßere, wenn es auch alt und eben deßwegen ehrwürdig iſt. Dieſe Grundſätze drängen ſich nicht als grell eingreifende Schul⸗Reformatoren auf; wollen aber auch nicht an dem alten, geiſtloſen Schlendrian hängen bleiben. Beſcheiden wandeln ſie die goldene Mittel⸗ ſtraße und folgen anſpruchslos mit ſteter Rückſicht auf die Kindereigenſchaften dem einfach erhabenen Gang der Natur, welche klein anfängt, um groß zu vollenden.

Niemand wird hier die Frage aufwerfen, ob unſere Seminariſten unterrichtet und geübt werden im fließend und ausdrucksvollen Leſen aller deutſchen Schriftarten, im Schön⸗ und Rechtſchreiben, im gründlichen Kopf⸗ und Tafelrechnen, im richtig und reinen Sprechen, in Verfertigung nötiger Aufſätze; denn dieſe ſind jene Gegenſtände, deren unbe⸗ dingte Notwendigkeit für jeden Schullehrer am Tage liegt. An ſie ſchließt ſich noch der Unterricht und Uebung in gründlichem Geſang, im Klavier⸗ und Orgelſpielen.

Anch die Natur, die herrliche Verkünderin der Allmacht, Weisheit und Güte Gottes, darf den Schülern unſeres Inſtitutes nicht ganz unbekannt bleiben; jedoch ohne mit vielem Seitanfwande und großer Anſtrengung in ihre tief verborgenen Geheimniſſe einzudringen. Zu kluger Auswahl des Nothwendigſten werden nur einige Stunden wöchentlich der Naturkunde gewidmet, um den Söglingen allgemeinnützliche Kenntniße in dieſem Lehrzweige, beſonders zu Verdrängung des ſo häufig graßierenden Aberglauben und Volksirrthümer beyzubringen Wohl mag der emſige Schmetterlings⸗Sammler, oder der unermüdete botaniſierende Lehrer ſeine Hauptpflicht die Schulverwaltung vernach⸗ läßigen; iſt er aber mit allen Thieren und Gewächsen der ganzen Welt unbekannt, hält er die Todbringenden Giftpflanzen für geſunde Futterkräuter, ſo wird er nie ein wahrnender Vater und Freund ſeiner Kinder werden, die ſo oft, ſchuldlos, unwißend, da keine Gefahr ahnden, wo ſie am Rande des Verderbens ſtehen. Wohl mag ein unausgeſetzt, gleichſam leidenſchaftlich ſtudierender Naturforſcher dabey ein erbärmlicher Volksſchullehrer ſeyn, wenn aber ſeine unkundige Seele am finſtern Aberglauben feſthält, wenn er in jedem Hagelwetter das Werk der Hexen erblickt, wenn er im rollenden Donner nicht Gottes Allmachtsſprache hört, ſondern ſich vor dem Böſen bekreuzigt; ſo wird er ſein Lehrer⸗ zimmer zur Geſpenſtervollen Ammenſtube herabwürdigen. 4

Auf ähnliche Weiſe werden die Beſchreibung der Erde und die Geſchichte des Vaterlandes behandelt. Auch hier iſt die Sprache nicht von genauer Fergliederung in mathematiſche, phyſiſche und politiſche Geographie, die Sprache nicht vom mühevollen Aufſuchen der entfernteſten Cuellen und älteſten Urkunden der Geſchichte. Doch ſey der gebildete Bürger und noch mehr der Schullehrer nicht unwißend, ob der Weltkörper, auf dem er ſeine ganze irdiſche Laufbahn durchwandelt, ſo oder anderſt ausſehe, in welchen Verhältnißen die verſchiedenen Länder zueinander ſtehen und dgl. Solch dein Unwißender würde dem langjährigen Gefangenen gleichen, welcher, in die Freyheit geſetzt, zwar ſeine Kerkerſtube, aber das große, ſchöne Gefängnisgebäude nicht beſchreiben kann. d

Eine ſchlichte, verſtändliche Ueberſicht und die Angabe der Hauptmerkmale der Erde und ihrer Länder werden bald den Weg in unſer Großherzogtum bahnen, wo etwas länger verweilt wird. Die Söglinge ſeyen nicht unbekannt mit der Beſchaffenheit und Geſchichte jenes Landes welches ſie mit dem ſchönen Namen Vaterland bezeichnen.

Welch angenehme Stunden und zugleich Vortheile einige Kenntniß in der Land⸗ wirtſchaft den Stadt⸗ und Dorfſchullehrern gewähren, ſpricht die tägliche Erfahrung laut und überzeugend aus.

Dierzu iſt unſer großer Garten eine große Wohlthat. Wird in einigen Wochen⸗ ſtunden in der Baumveredlung, in der Bienenzucht, ſelbſt im Weinbau pracktiſch belebrender Unterricht ertheilt, werden die Kunſtgriffe und Vortheile gezeigt; ſo ſind dieſe Stunden der Erholung ebenſo nützlich als angenehm verwendet!.

Ueber das Rechnungsweſen der erſten Zeit des Seminares.

Waren auch, wie oben geſagt, nur wenig bauliche Veränderungen erforderlich, das Kloſter in ein Seminar zu verwandeln, ſo waren hierzu und noch mehr zur Ausſtattung von Wohnräumen und Küche ſowie zur Herrichtung des Gartens immerhin Mittel flüſſig zu machen.