Aufsatz 
Normen für die Lektüre der Schillerschen Dramen
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So ist diese romantische Tragödie von einer geschlossenen Linienführung gleichfalls noch entfernt.

Unbeschadet all der großen Werte, die beide Dichtungen in sich tragen, bilden sie nicht den Boden, auf dem ein reiner, geschlossener Bühnenstil erwachsen könnte. Die Darstellung wird ohne Kompromisse nicht auskommen. Im Orleans-Drama- wird sie die Stilschwankungen durch ein Herausarbeiten der Reliefform, auf die das Drama in Scenen wie mit dem Walliser und schwarzen Ritter sowie im großen Monolog Johannas unzweideutig hinweist, ausgleichen können.

Wir begreifen, daß diese Erfahrungen mit historischen Stoffen die Erwartungen, die der Dichter anfänglich auf sie setzte, enttäuschten. Schon bevor er das Stuart-Drama end- gültig in Angriff nimmt, bei der ersten Arbeit am Warbeck- stoff erwägt er den Gedanken, ob es nicht das beste sei, immer nur die allgemeine Situation, die Zeit und die Personen aus der Geschichte zu nehmen und alles übrige poetisch frei zu erfinden, wodurch eine mittlere Gattung von Stoffen ent- stünde, welche die Vorteile des historischen Dramas mit dem erdichteten vereinigte.

Nach den Erfahrungen am Stuart- und Orleans-Drama- geht er noch weiter und sucht die Fabelin dem Feld der freien Erfindung, indem er an ein Lieblingsmotiv seiner Jugend feindliche Brüder, die dasselbe Weib lieben anknüpft, um hier denersten Versuch einer Tragödie in strenger Form zu wagen. So sehen wir hier die Darsteller auf wenige Haupttypen beschränkt, die Masse verschmilzt zum Chor. Hier triumphiert das Stilgesetz. Daher findet die nach Geschlossen- heit strebende Darstellung hier am wenigsten Hemmnisse.

Doch diese Lösung des Stilproblems hat den Dichter zu weit in das Fahrwasser der antiken Tragödie getrieben; in dieser fremden, ätherischen Luft drohen die Wurzeln, die ihn mit dem Volkstum verbinden, abzusterben. So betritt er den entgegengesetzten Weg, und im Bestreben,ein Volksstück, das Herz und Sinne interessieren soll, zu schreiben, schmiegt er sich wieder aufs innigste der Uberlieferung an und beginnt so imTell aufs neue die Riesenarbeit der Stilbildung. Zwar nimmt der Dichter auch in dies Drama noch sehr viel von der griechischenschönen Linienführung und von dem auf- quellenden Reichtum jener antikisierenden Sprache hinüber. Aber in diese Linien mischen sich doch schon andere herberer Art, in denen er das Grundwesen germanischer Bauernnatur trifft. Da ist Bodenständigkeit, die mit der Scholle verwachsen ist, Schwerfälligkeit der Bauernart, die lange duldet, bis es in der Not aus ihr hervorbricht wie Naturkraft, da ist Bedächtigkeit