Aufsatz 
Normen für die Lektüre der Schillerschen Dramen
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wenn er nach Beendigung des Dramas erklärt:Ich fange endlich an, mich des dramatischen Organs zu bemächtigen und mein Handwerk zu verstehen.

Doch diesen Fortschritten stehen wesentliche Mängel der Hauptpersonen gegenüber. Zwar erhöht der Dichter in Maria, Elisabeth, Leicester die historische Gestalt; doch bleibt ihnen Halbschüriges genug. Das Trübe, mit dem der Dichter bei der Gestaltung der Massen kämpfte, dringt hier in den führenden Gestalten selbst auf ihn ein, ohne daß er es zu bannen ver- mag. Das Mittel, dieses Trübe aus elementaren Quellen empordrängen zu lassen, die Konturen dämonisch zu gestalten, muß er verschmähen. Er sucht es bei Maria, die erimmer als ein physisches Wesen halten will, deren Schicksal es ist, heftige Passionen zu erfahren und zu entzünden, zwar als Grundton zu nehmen, hebt diesen aber durch innere Läuterung der Unglücklichen auf. Bei Elisabeth soll eine gewisse biographische Motivierung ihres Verhaltens inneren Anteil er- setzen; und Leicester vollends zeigt in seiner Charakterlosig- keit so unsichere Umrisse, daß seine Gestalt aller Stilgebung spottet.

So fehlt grade diesen Personen die Kraftlinie, ohne die ein idealistisches Drama schlechterdings nicht bestehen kann; denn nur aus dieser inneren Kraft der führenden Helden quellen Rhythmus und Stil; ihre vom Puls des Dichters mächtig durchflutete Gestalt ist allein fähig, die Stilwelt des Ganzen zu tragen. So mußte der Versuch, einen Stoff objektiv zu fassen und trotzdem in idealistischer Form zu gestalten, an dem Wesen dieses Stils, der persönlichste Teilnahme fordert, scheitern, wie er andererseits diesen Stil zu entwerten drohte.

Der Gefahr solcher Entwertung begegnet der Dichter, indem er im folgenden Drama den Stil mit seinem Herzblut nährte. So hat Johanna feste, große Linien. Dunois und Talbot stehen als gewaltige Typen würdig neben ihr. Der König, Agnes Sorel, Du Chatel, Burgund, Lionel, auch der Kreis des Thibaut d'Arc behaupten sich in feiner, bestimmter Linienführung. Isabeau gewinnt durch einen dämonischen Zug eine gewisse finstere Größe. Die Massen werden vom Stil ge- tragen. Daneben aber steht in der Montgomery-Scene und in der des schwarzen Ritters der gewagte Versuch einer trotz antikisierender Einschläge ganz neuen symbolischen Form der Handlung; daneben ferner der ebenso kühne Versuch, auf der Höhe des Dramas alle Handlung in die innerste Aktivität der Seele zu verlegen und, um nun sinnfällige Stil- kormen für diese geheimsten Bewegungen zu finden, episch- lyrische Formen mit den dramatischen zusammenzuschweißen.