II.
Es ist natürlich, daß die ganze Darstellung dem rhyth- mischen Charakter der Hauptgestalten entsprechen muß und daß in das Spiel keinerlei Naturalismen eingemischt werden dürfen. Und doch wird grade in dieser Hinsicht nicht selten gefehlt. Wenn auf einer königlichen Bühne Hedwig im 3. Akt des„Tell“ an den Waschtrog gestellt wird und ein schmutziges Etwas erschreckend natürlich bearbeitet,— Schiller läßt sie mit„einer häuslichen Arbeit“ beschäftigt sein— wenn sie damit das wohlgemeinte Bestreben verbindet, ihre Rhythmen zu dem Charakter ihrer Arbeit herabzustimmen, so könnte man über diesen Wetteifer mit dem naturalistischen Drama kopf- schüttelnd lachen, wenn nicht das völlige Versagen gegenüber der Stilforderung an einer solchen Bühne empörte. Und ebenso abgeschmackt ist es, wenn Tell in derselben Scene als biederer Familienvater sich behaglich gehen läßt und mit Hms und ähnlichen Naturtönen seine Verse würzt oder wenn aus der Frießhard-Leutholdepisode eine Farce wird. Derartige Natura- lismen verstoßen gegen das erste Stilgesetz, welches besagt, daß das Gröbere zurückbleiben müsse, daß nur das Geistige von dem dünnen Element getragen werden könne.
Aber begreifen wir, um im Unterricht der Gefahr naturalistischer Auffassung noch bewußter zu begegnen, wie leicht der Darstellende zu solcher Zerstörung des Stils ver-— leitet wird!.
Indem die Gestalten auf die Bůhne gestellt oder sonst irgendwie zu größerer Anschaulichkeit gebracht werden, voll- zieht sich eine plastische Verwirklichung, die den idealisierten Gestalten ihr eigentliches Leben zu rauben droht, ohne daß den Anforderungen der sinnlichen Vorstellungskräfte, die individuelles Detail fordern, Genüge geleistet wird. Nur zu leicht kommt der Darstellende, der mit diesen sinnlichen Vorstellungskräften als Haupthebeln der IIlusion rechnet, in Versuchung, die Forderungen des plastischen Sinnes durch Charakterisierung zu befriedigen; ebenso wie die Inscenierung zuweilen einen Ersatz für den Mangel an Wirklichkeit bieten möchte, den die Gestalten an sich tragen. Beides aber, das Bemühen des Darstellers wie das Unterfangen des Inscenieren- den, wird immer fruchtlos bleiben und um so absurder wirken, je konsequenter es erscheint. Je naturalistischer die Umgebung von Stauffachers Haus gestaltet ist, je echter die Schweizer- stube des Walter Fürst ist, je näher der Prospekt der täuschen- den Wirkung eines Panoramas kommt, um so größer wird der Gegensatz der Umwelt zu den Gestalten, die eben nicht


