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entbindet, wird es begreiflich, daß in ihr eine gesteigerte Gefühlskraft nach Ausdruck strebt und dabei Worte ver- schwendet, ähnlich der Musik, die aus einer Empfindung einen Reichtum an Tönen und Melodien emporquellen läßt.
Freilich hüte man sich in jenes berüchtigte Theaterpathos zu verfallen, das in dem Stimmaufwand das Wesentliche sieht. Das, was mitgeteilt werden muß, sind tiefe, kraftvolle Ge- fühle; Stimme und Ton dürfen nicht übertreibend Gefühlskraft heucheln, sondern müssen ihr adäquat sein. Wer allerdings nie in sich einen Zorn wie Dunois, einen Haß und Schmerz wie Melchtal oder tiefste Seelennot wie Tell empfunden hat, oder wer nicht fähig ist, lesend und mitlebend diese Em- pfindungen in sich zu wecken, spare seine Stimme und deute bescheiden hin auf eine dort glühende Kraft des Lebens, deren Intensität unsre matten Seelen nur von ferne ahnen.
Thnlich wird man schauend diesen Gestalten nur gerecht, wenn man die Kraftlinie ihres Wesens in einer bedeutenden Impression erfaßt. Sie können nichts von der sich nach und nach in einer Fülle charakteristischer Gesten und Bewegungen enthüllenden Buntheit und Vielgestaltigkeit individuellen Lebens haben, nichts von jener Lässigkeit und Natürlichkeit des All- tags, nichts von jener Innerlichkeit oder ironischen Versteckt- heit, mit der sich in Wirklichkeit Menschen gebaren: sie gleichen Alfrescogestalten; eine Leidenschaft, ein Wollen,
ein Ethos oder Pathos erfüllt sie ganz und drängt in einem eindrucksvollen Kontur nach außen; alles Beiwerk gleicht nur einer leichten Tönung. Man halte nur etwa- den düstern, menschenverachtenden Kopf Philipps gegen eine Leargestalt oder Dunois gegen Götz, Max gegen Romeo, um diesen Unter- schied zu merken: hier volle Plastik, dort ein bedeutender Umriß— ein Relief, wenn man will. Daher exponieren sich die Schillerschen Gestalten so schnell. Mit ihren ersten Worten stehen sie in dem ihnen eigentümlichen Kontur vor uns und behalten ihn im wesentlichen bei.
Diesen eindrucksvollen Hauptzug muß der Unterrichtende erfassen lehren; er muß zeigen, wie sich in ihm das Gefühl konzentriert zu einer Kraft, wie sie jener Plastik nicht eigen sein kann; wie somit der Stil dieser idealischen Zeichnung einen Vorzug in sich trägt, den jene lebensvollere Gestaltung entbehren muß. Denn unschwer wird man erkennen lehren, daß die Wucht des Dunois, dic inbrünstige Kraft der Jungfrau, das Begeisterungsfeuer des Marquis Posa nur durch jene Kon- zentration erreicht wird und daß in ihr mancherlei, was man ge- tadelt hat, Kühnheit im Exponieren und Motivieren, Großzügig- keit in der Behandlung von Details, notwendig begründet ist.


