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wirft er sie ebenso leicht weg, wie er sie annimmt, ohne daß man einen Sprung im Wesen empfindet; der Mensch, der dar- gestellt wird, bleibt derselbe. Immer atmen wir daher bei Shakespeare die Fülle individuellen Lebens.
Ganz andre Bedingungen liegen für den Darstellenden und Schauenden bei Schillers Dramen vor.
Uns kümmert hier nicht die Frage, ob Schiller Organe besaß, um annähernd jene Kenntnis der Menschen, jene Fülle an sinnlichen Vorstellungen zu erwerben, wie sie Shakespeare hatte; jedenfalls leistet er immer bewußter auf solche Wirk- lichkeiten Verzicht, um dafür seinen Begriff von den Kräften der Seele immer reicher zu gestalten, seinen eignen Gehalt zu mehren und poetische Stoffe und Formen zu finden, mit denen er diesen Gehalt und die in ihm entstehenden Typen dar- zustellen vermag. Die Stoffe bietet ihm die Geschichte; sie zeigt ihm Gestalten voll bewegten mächtigen Lebens. Ihres Wesens bemächtigt er sich durch eine Art Einfühlung. Er stellt sie nicht sozusagen plastisch vor sich hin, um von ihren charakteristischen Besonderheiten aus in ihr inneres Leben einzudringen; er fühlt durch eine Anspannung zum Heroischen ihre Bewegungen mit, als wären sie Blut von seinem Blut, und nähert sie so den in ihm lebenden Typen des Menschlichen: er„idealisiert“ sie.
So bestimmen ihn zum Dramatisieren der Geschichte des Don Karlos gewisse starke Impressionen, die sich bei der Lek- türe Saint-Réals eingestellt haben; er fühlt bedeutende Be- wegungen und ahnt große Konturen,„Gelegenheit zu starken Zeichnungen und erschütternden oder rührenden Situationen“. br nennt sich„weniger den Maler als den Busenfreund seines Helden“; er leiht ihm seinen„Puls“..
Khnlich geht er beim Wallensteindrama von einer „Empfindung ohne klaren Gegenstand“ aus; er bekennt, daß ihm,„wie einem Tier, dem gewisse Organe fehlen“, die Mittel abgehen,„wodurch man sich das Leben und die Menschen näher bringt“; er deutet eine„Krise“ an, bei der er„sein bestes, feinstes Wesen zusammennehmen“ müsse,„um sie gut zu überstehen“..
Er erbaut und klärt sein Stilgefühl an dem„idealischen“ Wesen des griechischen Trauerspiels. Er erkennt, daß man mit solchen Gestalten, die, wie in der griechischen Tragödie, „keine eigentlichen Individuen“, sondern„mehr oder weniger idealische Masken“ sind, viel besser auskomme, daß sie sich geschwinder exponieren, ohne daß die Wahrheit darunter leidet. Und er sieht immer entschiedener das eigentliche Wesen der dramatischen Dichtkunst darin, daß sie„die individuell auf


