Aufsatz 
Normen für die Lektüre der Schillerschen Dramen
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Es soll dabei der Unterschied zwischen einer inneren, wenn auch noch so kräftigen Schau des Dramas und einer scenischen Darstellung nicht verwischt werden. Aber es ist schließlich ein Unterschied der Intensität, nicht der Art. Wenn das innere Schauen nicht den Stilcharakter der Schillerschen Dramen verleugnen oder zerstören will, ist es den gleichen Bedingungen unterworfen wie eine Bühnendarstellung; denn die Handlungen schauen heitßt nicht sie in naiver IIlusion als Wirklichkeit nehmen oder ihnen irgendwelche Erfahrungsbilder unterlegen, sondern sie in ihrer eigentümlichen Zeichnung er- fassen. Im Grunde ist also die scenische Aufführung nur die Realisierung innerer Vorstellungen; bei ihr freilich treten die Mängel des inneren Schauens aufs gröbste zu Tage.

Indem wir uns von den Darstellungsbedingungen der Schillerschen Dramen Rechenschaft ablegen, gewinnen wir somit Normen für die Lektüre dieser Dichtungen.

Den Versuch einer solchen Rechenschaft als Niederschlag längerer Unterrichtspraxis bieten die folgenden Blätter.

I.

Die Darstellungsform der Schillerschen Dramen kaun nur die Offenbarung ihres inneren Stils sein und darf diesen. weder verwischen noch an seine Stelle eine mehr oder minder geistreiche Manier setzen. Die Sprache dieses Stils also muß zuerst begriffen und von den Formen andrer Dramatik deutlich unterschieden werden.

Wer etwa als Darsteller oder Schauender mit denselben Forderungen, die Shakespeare auf der Bühne befriedigt, an Schiller herantritt, muß enttäuscht werden oder enttäuschen. Dort bedarf es der Vertiefung in den ganz individuellen Charakter der Gestalten; die Geschlossenheit des Spiels hängt davon ab, daß alle charakteristischen Züge, mit denen der Dichter kraft einer außerordentlichen Kenntnis der Menschen seine Gestalten ausgestattet hat, Leben und Blut gewinnen, sodaß diese mit einer' Plastik vor uns stehen, die restlos unsern Begriffen von Wirklichkeit genügt, ja diese Begriffe kraft der genialen Ueberlegenheit des Dichters durch immer neue Offenbarungen überrascht und bereichert.

Hierbei ist es so gut wie gleichgültig, ob seine Gestalten in gebundner oder ungebundner Rede sprechen. Der Vers und Rhythmus hat auf ihr inneres Wesen keinen Einfluß; er raubt ihnen nicht ein Deut an Individualität. Er dient im ganzen dem Dichter als eine gewisse feine Art der Kon- versation. Wo er diese repräsentative Form nicht braucht,