Aufsatz 
Eine Schillerrede
Einzelbild herunterladen

6

noch einmal Luther mit seiner Bibelverdeutschung getan hat. So ist er unser wahrhaft nationaler Dichter geworden. Mögen auch manche seiner Gedichte, z. B. die kultur- historischen, weltbürgerliches Gepräge tragen, ebenso gut in England und Frankreich wie im alten Griechenland oder Italien spielen können, er ist doch der Sänger des teuersten der Bande geworden, des Triebes zum Vaterlande, dessen allgemeine Ver herrlichung der Deutsche in Ubereinstimmung mit Schiller immer mehr auf seine Heimat hat beziehen dürfen. Und wenn wir nichts anderes von Schiller hätten als seine Glocke, dies einzigartige Hohelied deutschen Familien- und Bürgerlebens, das als edelste Arbeiterpoesie in die modernste Gegenwart hineinragt: wenn wir nichts anderes von ihm hätten, er wäre der größte Dichter seiner Nation. Welches Volk in der ganzen Welt kann diesem Werk etwas Gleiches als ein ebenso getreues Spiegel- bild des eigensten Wesens an die Seite stellen? Kein einziges!

Und wie preist daneben Schiller die anderen idealen Werte, die das Leben der Menschen erst lebenswert machen: die Ordnung, die segensreiche Himmelstochter, die Gesittung, das Recht, die Einigkeit, die Freundschaft, die Treue, den Mut und die Demut, die Tugend, die kein leerer Schall, und Gott

Ein Gott ist, ein heiliger Wille lebt,

Wie auch der menschliche wanke,

Hoch über der Zeit und dem Raume webt Lebendig der höchste Gedanke.

Und ob alles im ewigen Wechsel kreist, Es beharret im Wechsel ein ruhiger Geist.

Tief im deutschen Volke liegt der Drang, sich zu verinnerlichen, sich immer wieder auf alle diese Werte zu besinnen. Wohl gibt es Zeiten, in denen sie uns ver loren zu gehen drohen, und die heutige Zeit ist eine solche mit ihrer ausgesprochenen Sucht alles umzuwerten. Aber sie wird überwunden werden, und Schiller, dieser Hohepriester am Altare der Wahrheit, um mit Carlyle zu reden, wird wieder unser Führer werden, wenn der Materialismus eingesehen haben wird, daß, wie er nicht alles zu erklären weiß, er auch nicht die Befriedigung in diese Welt zu bannen vermag; wenn wir wieder von dem durch Kant gebildeten Philosophen und Aesthetiker Schiller gelernt haben, daß das Erhabene die Erhebung unseres höheren, freieren, moralischen Ich über das sinnliche kleinliche Ich bedeutet. Denn darin besteht der Kern der ganzen Schönheitslehre Schillers: in dem Gegensatz des höheren idealischen Menschen und des sinnlichen, die beide in uns sind, und der durch die Kunst ausgeglichen wird. Schönheit ist bei ihm nicht bloßer Genuß, sondern sittliche Forderung, sich durchzuringen und durchzukämpfen. Darum ist er so streng gegen die Künstler:

Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben Bewahret sie! Sie sinkt mit euch! Mit euch wird sie sich heben!

Von dem Dichter verlangt er eine sittlich ausgebildete, vorurteilsfreie Seele.Es ist nicht genug, sagt er,Empfindung mit erhöhten Farben zu schildern, man muß auch erhöht empfinden. Begeisterung allein ist nicht genug, man fordert Begeisterung eines gebildeten Geistes. Alles, was der Dichter uns geben kann, ist seine Individualität. Diese muß es also wert sein, vor Welt und Nachwelt ausgestellt zu werden. Diese seine Individualität so sehr als möglich zu veredeln, zur reinsten, herrlichsten Menschheit hinaufzuläutern, ist sein erstes und wichtigstes Geschäft, ehe er es unternehmen darf, die Vortrefflichen zu rühren.

Sich zur reinsten, herrlichsten Menschheit hinaufzuläutern wenn es nur bei dieser Forderung geblieben wäre, die Schiller nicht nur an die Dichter, sondern an alle Menschen richtet, es würden doch die vielleicht recht behalten, die solches