Aufsatz 
Eine Schillerrede
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Aber wir Menschen sind verschieden wie auch unsere Bedürfnisse. Nicht allen Gliedern unseres Volkes ist die lyrische Zartheit und Innigkeit nachzuempfinden möglich; unzählige bedürfen des Zurufs, des Weckrufes, der herzhaft andringenden, einstürmenden Worte, die sie vorwärtsreißen, hinausheben aus dem Kreis der eigenen Gedanken, Nöte und Sorgen, der Feuersprache, die zündet und in der Begeisterung Wehen über Raum und Zeit hinüberträgt.

Und wir selbst? Geht es uns denn anders? In der Jugend haben wir unseres Herzens Glut an seinen Worten entzündet; haben wir es jetzt nicht mehr nötig, uns von seiner Kraft fortreißen zu lassen? Ist unsere eigene Spannkraft so groß, daß wir die Schwere des Daseins ertragen und das erdrückende Gleichmaß der Tage, ohne hin und wieder einen Trunk zu tun aus dem Zauberquell seiner Begeisterung spendenden Sprache?

Und wenn wir alt sind, wollen wir dann darauf verzichten jung mit der Jugendh zu bleiben, aufhören begeisterungsfähig zu sein, wie wir es gewesen sind?

Gewinnen wir doch oft erst dann, wenn wir in reiferen Jahren Schillers Werke wieder aufschlagen, auch der anderen Seite seiner Sprache Geschmack ab: ihrer einzig- artigen Klarheit und Ruhe, ihrer Reinheit, ihrem Adel, die ein wunderbares Gewand seiner tiefsinnigen Gedanken sind, in denen der Denker zum Dichter wird, um gött- liche Wahrheiten zu künden, nicht seiner Zeit nur und seinem Volke, sondern der Menschheit selbst.

So geht es dem Einzelnen wie es unserem Volke gegangen ist: in Wellen bewegung steigt mit dem Verständnis die Liebe und Verehrung des Dichters. Wohl demjenigen, dem auf die Schillerperiode seiner Jugend die Goetheperiode der Jünglings- zeit folgt, und der dann in der Verehrung unserer beiden größten Dichter das männlich- reife Verständnis für die verschiedenen Seiten menschlichen Wesens beweist, in deren Vereinigung erst die volle Harmonie sich findet! Und Heil unserem Volke, wenn wir mit diesen Festtagen darzutun anfangen, daß wir diese Stufe wirklich erreicht haben!

Aber nicht nur wie Schiller zu uns redet, auch was er uns zu sagen hat, hat das Jahrhundert überdauert und lebt noch mit und für uns. Gewiß hat W. v. Humboldt recht, wenn er Schiller den modernsten unter den modernen Dichtern nannte. Denn er verkörperte in seinen Helden alle ringenden Ideen seiner Zeit, aber indem er sie auf Grund seiner historischen und philosophischen Studien trotz allen wunderbar historischen Kolorits zu Typen erhob, entrückte er sie der Gegenwart und machte sie zeitlos: Das Ringen und Kämpfen seiner Helden wird dasjenige aller Menschen, auch unseres noch bis in die Gegenwart hinein, und so haben seine Dramen noch immer ihre durchschlagende Kraft behalten, weil wir uns in ihnen widerspiegeln.

In allen Stürmen aber behauptet sich der sittliche Gedanke: mag der Held seine Idee noch so glänzend verfechten, er geht unter, wenn er schuldig wird, denn immer triumphiert die sittliche Weltordnung. Es sind die sittlichen Ideale, die dauern, wenn alles Irdische verhallt.

Aus diesem ldealismus heraus wurde Schiller der Sänger der Freiheit, deren Verkündiger er von seinem ersten Dichterruf bis zu seinem letzten Atemzuge geblieben ist. Die Freiheit des Individuums wie des Staates, die Freiheit der Gedanken, die Freiheit von sozialen, politischen und religiösen Vorurteilen, er wird nicht müde, sie zu verherrlichen. Tausende und aber Tausende, die gedrückt ihre Straße zogen, hat er hiermit erquickt, gehoben, fortgerissen. Seinem Volke ist er der Prophet geworden, dessen leuchtenden Worten es nachgezogen ist das ganze Jahrhundert hindurch, von den Freiheitskriegen an bis zur endlich errungenen Einheit. Während der furchtbaren politischen Zerrissenheit ist es Schiller gewesen, der mit seinen Dichtungen ein Band der Einheit um die Nation geschlungen hat, wie es in gleicher Weise vor ihm nur