Aufsatz 
Eine Schillerrede
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schnellebige Zeit liebt, in fast übermäßigem Schwang der Gefühle, allüberall unser Volk von der Großstadt an bis weit ins kleinste Dorf hinein, im Inlande wie im Aus- lande seines großen Dichters gedenkt, da dürfen seine Freunde wohl mit stiller Sorge sich fragen, ob die Liebe zu Schiller wirklich echt ist, ob nicht nur Schein uns um hüllt, der verfliegen wird, wenn diese Tage rauschender Festfeier vergangen sind, und ob es nicht auch von uns jetzt heißt:

Eine große Epoche hat das Jahrhundert geboren;

Aber der große Moment findet ein kleines Geschlecht. Wir hoffen: nein! Mag manches von Schiller in diesen 100 Jahren dahingeschwunden sein, weil die Zeitenzeiger vorgerückt sind: er lebt uns doch! Er kann seinem Volke nicht auf die Dauer verloren gehen; die Liebe und die Achtung vor ihm und es sind die Schlechtesten nicht, die sie all die Zeit hindurch gehegt haben sind noch nicht erloschen, und wir hoffen gerade von diesen Tagen, daß sie neu aufflammen und zum wärmenden Feuer werden.

Denn unser ist er noch! Leise und still hat er sich zu uns gesellt, so lange ein jeder von uns zurückdenken kann, und ist mit uns durchs Leben gewandert. Als wir noch klein waren und noch nichts von ihm wußten, da erfreute unseren kindlichen Sinn schon sein fröhliches LiedleinMit dem Pfeil dem Bogen durch Gebirg und Tal kommt der Schütz gezogen früh im Morgenstrahl!

Und als wir größer wurden und seine Gedichte lernten, wie manches bekannte Wort grüßte uns entgegen! Wir hatten es schon selbst erfahren, daßdes Lebens ungemischte Freude keinem Irdischen zuteil wird, wir hatten es lernen müssen,daß Gehorsam des Christen Schmuck ist; auch wir Kinder wußten es:Doch mit des Geschickes Mächten ist kein ew'ger Bund zu flechten, und das Unglück schreitet schnell. Wie oft versammelten wir uns mit Behagenum des Lichts gesellige Flamme und überließen esdem Auge des Gesetzes, für uns zu wachen. Wir riefenDonner und Doria längst, ehe wir wußten, wo es in Schillers Werken stand, und freuten uns an dem AusdruckDeutsche Hiebe, ohne zu ahnen, daß Schiller ihn geprägt hatte und je älter wir wurden, um so mehr wandelte sie mit uns im Ernst und im Scherz, die Wolke all der geflügelten Worte, Wendungen, Verse und Strophen aus seinen Werken, die unserem ganzen Volke in Fleisch und Blut übergegangen sind. Kein einziger Dichter kann sich dessen in gleichem Mabze rühmen, auch Goethe nicht, der ihm sonst darin am nächsten kommt.

Und der Grund dieser Volkstümlichkeit? Er liegt im wunderbar treffenden, packenden Ausdruck, im volltönenden Wohlklang, in der erhabenen Pracht seiner Worte, in dem herrlichen Bau der Verse, die in einschmeichelndem Rhythmus in immer neuen Wandlungen sich dem Inhalt der Worte anschmiegen, durch die er die Seele unseres Volkes in Schwingungen setzt, wie sonst keiner.Schiller sprach in seiner Poesie, sagte W. v. Humboldt von ihm,nur auf seine individuelle Weise aus, was seine Deutschheit in ihn gelegt hatte, was ihm aus dem Wesen der Sprache ent- gegenklang, deren geheimnisvolles Wirken er so trefflich vernahm und so meisterhaft wieder zu benutzen verstand. Das ist kein hohles Pathos, keine rhetorische Deklamation, keine prunkende Parade, wie man ihm vorgeworfen hat, sondern Schwung, Tiefe und Feuer, wie es der Vergleich mit all seinen Nachfolgern am besten beweist, von denen ihn kein einziger erreicht, geschweige denn verdrängt hat.

Gewiß ist die Sprache Schillers oft laut; manche Gedichte wollen geradezu laut gelesen sein, um zu wirken. Sie sind nichtintim, wie man heute zu sagen liebt, sie beschränken sich nicht auf stilles Versenken, haben nichtjenes Ruhen auf leisem Grunde, jene goldene Stimmung wunschlosen Genießens, jene süße Vertrautheit mit dem Einzelnen, wie man sie an Goethe gerühmt hat.