Eine Schiller-Rede.
Gehalten im Hertelschen Festsaale am 9. Mai 1905 von Direktor Dr. Waßner.
Ein ärmlich düster brennend Flammenpaar, das Sturm
Und Regen jeden Augenblick zu löschen droht.
Ein flackernd Bahrtuch. Ein gemeiner Tannensarg
Mit keinem Kranz, dem kärgsten nicht, und kein Geleit!
Als brächte eilig einen Frevler man zu Grab.
Die Träger hasteten. Ein Unbekannter nur,
Von eines weiten Mantels kühnem Schwung umweht,
Schritt dieser Bahre nach. Der Menschheit Genius wars!
So hat man in der Stille der Nacht, wenige Tage nach dem Tode des Mannes, dessen wir heute feiernd gedenken, ihn beigesetzt, nicht mit Absicht, um ihn zu verringern, sondern nach der Sitte der Zeit, aber nach unserem Empfinden zu dürftig. Denn wahrlich, wenn der Menschheit Genius einem Dahingeschiedenen trauernd das Geleite gibt, so haben die Menschen selbst und vor allem die Volksgenossen alle Ursache, ihren Verlust ganz anders zu beklagen.— Und sie haben ihn beklagt! Nach dem ersten Schrecken, der beim Tode des erst 45 jährigen Dichters die Gemüter bannte, erhoben sich die gewaltigen Totenfeiern überall, und die Deutschen haben es vor hundert Jahren nicht nur tief empfunden, sondern auch kund getan, was ihnen Schiller war.
Dann freilich kam nach den Freiheitskriegen eine Zeit, wo Schillers Name vor den Romantikern und Epigonen erblich. Aber aufs neue hob sich die Welle der Be— geisterung und trug ihn in die Höhe, als man seiner in politisch hocherregten Zeiten in den fünfziger Jahren gedachte und im größten Jubel seinen hundertsten Geburtstag feierte.
Doch das Ende des vergangenen Jahrhunderts, das uns in schweren Kriegsjahren die langersehnte Einigkeit im Deutschen Reich bescherte, stellte gleichzeitig unser Volk vor strenge und schwere Gegenwartsaufgaben, die nur im täglichen Ringen gelöst werden konnten, und drängte hierdurch wie durch die gleichzeitigen großartigen Erfindungen und durch den Aufschwung der Naturwissenschaften den realen Sinn im Volke in den Vordergrund. Auf der anderen Seite hat es in seinen Friedensjahren durch rasch erworbenen Gewinn viele Geister in zu großes Wohlleben versinken lassen, hat einem überreizten Triebleben Luft geschafft und die Satten ebenso sehr wie die UÜbermenschen gezeugt. Wie sollte da noch, zumal eine falsche literarische Kritik den Geschmack verwirrte, Raum bleiben für eine Verehrung Schillers! Und wenn heute, wie das ja unsere
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