Aufsatz 
Rede zur Schillerfeier
Entstehung
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Und so überall die Verehrung der deutschen Frau mit ernster, des Irdischen völlig vergessender Gesinnung, die ganze durch Nichts getrübte Anerkennung ihrer Würde, überall die opferfreudige Hingebung an ihren Besitz, die den Jüngling zur Heldenthat, die den Mann zu ächt deutschem Muth und zu dem Bewusstsein führt, dass er des Be- sitzes des höchsten Kleinods sich durch Männertugend würdig machen müsse.

Darum verweist der Bastard von Orleans den schwachen König Karl VII. in wahr- haft deutschem Zorn auf die Pflicht des Mannes:.

Wie ich Aus jenen alten Büchern mir gelesen, War Liebe stets mit hoher Ritterthat Gepaart, und Helden, hat man mich gelehrt, Nicht Schäfer sassen an der Tafelrunde. Wer nicht die Schönheit tapfer kann beschützen, Verdient nicht ihren goldnen Preis. Hier ist Der Fechtplatza! Kämpf' um deiner Väter Krone! Vertheidige mit ritterlichem Schwert Dein Eigenthum und edler Frauen Ehre. Und hast du dir aus Strömen Feindesbluts Die angestammte Krone kühn erobert, Dann ist es Zeit, und steht dir fürstlich an, Dich mit der Liebe Myrten zu bekrönen.

Das aber ist nicht bloss die zufällige Wahl dichtrischer Worte, das nicht die Zor- nesflamme, die bloss aus dem erregten Frankenherzen emporlodert: das ist ächt Schiller- sches Gefühl, ächt Schillersche Gesinnung. Aus solchen Worten ergiesst sich über die deutsche Jugend ein erwärmender, elektrischer Strom, und er zuckt an dem Herzen der Jungfrau, sie mahnend, dass sie einst der Lohn deutscher Kraft und deutschen Muthes werden solle, dass Gattin und Mutter zu werden ihr Beruf sei, und dass sie der Güter Höchstes nicht in ewig tändelndem, Nichts sagendem Salonleben suche, dass sie viel- mehr im Stande sei, auch durch ein Leben voll von Kampf und Gefahren den zu begleiten, der einst für sie gekämpft und sie errungen.

So stellt Friedr. Schiller seine Frauencharaktere dar. Die Götheschen Lilis und Adelheids, das Leipziger Aennchen, Dorilis, die Philinen und Mignons, wie naturgetreue und liebenswürdige Erscheinungen sie immerhin sein mögen, wir finden sie bei Schiller nicht.

Ich hoffe, es ist mir gelungen, das Licht erkennen zu lassen, iu welchem unser Schiller seine Frauencharaktere auffasst und gezeichnet hat. Der Vorwurf, dass ihm solche Zeichnung nicht gelungen, ist demnach gleichbedeutend mit dem der Jugend un- zeitig vorerzühlten und oft besprochenen mangelhafter Objectivität, von welchem ich auch anders denke, als die handwerksmässige Kritik, welche Schillers Grösse und Idealität über den gewöhnlichen kritischen Leisten schlägt und sich freut, von einer Dich- tergrösse, der sie sich bescheiden nahen sollte, ein Lorbeerblatt entwandt, ihren gewal- tigen Sonnenstrahl auf Augenblicke verdunkelt zu haben. Von dieser Manier gilt so recht treffend Schillers eignes Wort: 4

FSs liebt der Mensch, das Strahlende zu schwärzen

Und das Erhabne in den Staub zu ziehn. 1 Schillers Poesie bringt in ihre Objecte stets eine eigenthümliche Idealität, welche Eigenthümlichkeit mit seinem innersten Wesen verwachsen ist und jedes seiner Dichter- worte charakterisirt. Durch diese Operation zieht sich um das darzustellende Objekt, gleichviel ob auf dem epischen, lyrischen oder dramatischen Gebiete, eine von dem Dich- ter unbewusst mitgegebene, keineswegs entstellende, aber doch den Kern der Persönlich- keit leicht verdüsternde Hülle, ein Hauch, ein Duft, welcher die Urfarbe und die Grund-