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gestalt auf den ersten Blick undeutlich erkennen lässt. Es war gegen die Grundsätze und gegen das ästhetische Gefühl Schillers, das Object in seiner nackten Wirklichkeit zu geben. Er hielt es für eine Versündigung an der Muse, Alles breit zu motiviren, und für eine Mera dieeneſ an der Kunst, die unveränderte Natur in ihrer beleidigenden Mit- telmässigkeit und Rohheit mit Rhythmus und Reim aufgeputzt vor dem Zuschauer erschei-⸗ nen zu lassen. Ebenso hielt er es aber auch für eine Versündigung an der Sittlichkeit und Wahrheit, jener rohen Natur bloss eine einschmeichelnde, verführerische Schminke anzukleben, um ihr bei Leser und Zuschauer Eingang zu verschaffen. Was war es aber nun, das er seinem Objecte mitgab, ohne sich an Kesthetik, Sittlichkeit und Wahrheit zu versündigen? Es war dies ein Theil seiner selbst, seiner Subjectivität, d. h. seiner geis- tigen Hoheit, seiner sittlichen Grösse. Dies ist das, was man der Poesie Schillers tadelnd vorgeworfen und deshalb seine Manier als eine Alles subjectiv umwandelnde und ideali- sirende gescholten hat. 1 2lInellZe ib 11191 3 Der Werth seiner Poesie leuchtet im Allgemeinen ein, wenn man damit die Schöpfungen anderer fruchtbarer Dichter des Vaterlandes, in Sonderheit der neueren Zeit in Vergleich stellt. Rückert zeigt tiefes Vaterlandsgefühl, Humor und ächten Dichter- geist. Gutzkow sagt von ihm:„er zaubert Alles in Gedichte um, was ihn nur anhaucht.“ Und ich füge hinzu, der Reim fliesst ihm leichter als hundert Dichtern und Dichterlin- gen, er hat mindestens fünf Bände Lexiconformat deutscher Lieder und Gedichte auf etwa 2500 Seiten drucken lassen, und der Freund solcher Poesie mag sie lesen. Darun- ter wird er Perlen und Edelsteine flnden, und diese sind als Auszug in einem besondern Bande abgedruckt, welcher gewöhnlich gekauft wird. Aber auf 2000 Seiten findet er Kies und Ballast. v. Auersperg, genannt Anastasius Grün, hat sich durch manch schönes Gedicht einen Namen verschafft; aber mehr als die Hälfte seiner Schöpfungen ist Ballast. Eine nicht unbedeutende Sammlung bezeichnet er selbst mit dem sehr tref- fenden Namen„Schutt“. ²) Ungefähr dasselbe trifft zu bei den Poesien von Gustav Schwab, Justinus Kerner, Gust. Pfizer, von Eichendorf, Kopisch, Leop. Schä- fer, Freiligrath, H. Heine, Emanuel Geibel und andern. Von allen besitzen wir in unsern Chrestomathien Gedichte, welche der Beachtung und des Aufbewahrens werth sind. Aber man gehe die Gedichtsammlungen selbst mit einiger Aufmerksambeit durch und man wird auch ohne Anwendung kritischer Strenge über die Masse Schutt und und Unkraut erstaunen. Mit Einschluss des westöstlichen Divans und der Bemerkun- gen dazu hat uns Göthe sechs Bände lyrischer und episch-Jyrischer Gedichte hinter- jassen. Darunter ist Vieles vortrefflich, ja nicht Weniges steht geradezu auf dem Höhe- punkt der Vollkommenheit. Aber die Menge von spielenden Gelegenheitsgedichten, Tändeleien, localen und nur persönlichen Reimereien, zu welchen Göthe, zumal vor der Zeit seines Zusammenwirkens mit Schiller, durch leichte und leichtfertige Umgangsverhält- nisse gedrängt wurde, fügen dem Totaleindrucke seiner Gedichte einen erheblichen Schaden zu.— Wie ganz anders steht die Sache bei Schiller. Seine philosophische Durchbil- dung, sein männlich-sittlicher Charakter haben ihn überall vor dem Gemeinen und Mit- telmässigen bewahrt.*) Seine Achtung vor der Oeffentlichkeit und der Nation, welcher er angehörte, liess es nicht zu, vor ihr anders als mit Mannesmuth und persönlicher Würde zu erscheinen. Poetische Tändeleien waren ihm widerwärtig, und selbst in seinen Xenien war er herbe und einschneidend, weil, es zu sein, in seiner Absicht lag. Alle Halbheit und Neutralität in seiner Stellung zu dichtenden Zeitgenossen war ihm verhasst.
2 4 9) Zweite, unveränderte Ausg. Teipzig 1836.
) Veargl. die bekannte Stelle aus Göthes Epilog zur Glocke: 4 1and hiuter ihm in Fochsellosem Scheinnnng
Lag, was uns alle bändigt, das Gemeine.“ 1 127 119I1 A


