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Augenblick zu erwarten. Der Geist will eine Nahrung, die ihn stärkt, die ihn Kuäftigt für Mühsale des Lebens, das dolce far niente der modernen Novellistik lässt ihn matt, verdirbt Geschmack und Urtheil, ja solche ungesalzene Stoffe erzeugen Fäulniss und Widerwillen.. 8 ASIH. 5 11 hun aoluusdl Darum bleibt Schiller immer der feste Polarstern, zu welchem Diejenigen, welche die Richtung verloren haben, welche von den Springfluthen der Modenovellistik fortge- rissen und verschlagen sind, beschämt zurückkehren, er bleibt unerschüttert des Vater- landes Grösse und Stolz, jedem sicher, jedem zugänglich, auch dem, der sich an ihn, wie an das Gestirn des Tages gewöhnt hat und seine Lichtstrahlen nicht mehr bewundert. BA 21 H8 Ir moie i un bn.
Und diese Rückkehr zu dem Kern, zu dem wahren Adel der Kunst ist bei uns pereits eine thatsächliche, nicht blos auf dem Felde der Poesie, auch die alten Heroen und Väter deutscher Musik haben den verirrten Geschmack ihrer Kinder nachsich- tig behandeln und die reuigen Sünder, welche in ihr durch Neugier und Naschhaftigkeit versunken waren, freundlich und väterlich wieder an ihr Herz drücken müssen. Denken Sie, hochverehrte Anwesende, an die schimmernden Erfolge, welche vor etwa zwei Jahr- zehnten die Opern Donizettis und Bellinis errangen. Belisar und die Nachtwandlerin, Norma und die Regimentstochter trommelten und nachtwandelten auf allen Bühnen, auf den Flügelfortepianos grosser und kleiner Städte, überall öffnete man ihnen empfangs- begierig die Thür, Alt und Jung liebäugelte mit den süssen Gästen:— aber Allés, Alles, was sie brachten, war eben nur Spielzeng und Zuckerwerk, eine Kost, welche der deut- schen Zunge für die Dauer nicht zusagt. So ist es denn gekommen, dass die Sympho- nien, Oratorien und Opern unserer alten deutschen Meister wieder siegreich in unsere Concertsäle einziehen, dass sie wieder ihren wohlverdienten, alten Platz in den Hallen Thalias eimnehmen und dass der werthlose Flitter sammt dem blitzenden Rauschgolde eilig ad acta gelegt worden ist. Wie die Rückkehr zu Haydn, Gluck, Beethoven und Mozart, so die Wiedervereinigung mit Lessing, Klopstock, Göthe und Schiller.
Durch Lessing sind die Deutschen auf Kritik gewiesen worden und in den Stand. gesetzt, geistige Schöpfungen der Vollkommenheit möglichst nahe zu bringen. Nach und nach haben sie sich mit dieser Wissenschaft, welche nur Mittel sein soll, als mit dem Zwecke beschäftigt. Aber die Kritik ist ein scharfes Instrument, welches in der Hand des Ungeübten oft dem gefährlicher wird, welcher es führt, als demjenigen, gegen den es geführt vird. Auch gegen Schiller hat man es gebraucht; lassen Sie uns ihn hier von einer solchen Seite näher betrachten, an welcher man ihm beizukommen bemüht gewesen ist. Erscheint sie auch einzeln herausgehoben, so trifft unsere Untersuchung doch des Dichters innerstes Wesen und den Charakter seiner Poesie.
Man hat S.'n den Vorwurf gemacht, ihm seien die Schilderungen und Zeichnungen von Frauencharakteren nicht gelungen. ²) Wie hoch, meint man, stehen in dieser Bezie- hung die Leistungen Göthes. Welche Zartheit, Lieblichkeit, Naivität, Milde, Anmuth und Wahrheit in allen weiblichen Charakteren seiner Gedichte und Romane! Ich gestehe, dass dieser Vorwurf in dieser Fassung etwas für sich hat. Er ist aber unbegründet, wenn man aus ihm schliessen wollte, Schiller habe überhaupt einen Frauencharakter mit jenen Göthe zugestandenen Eigenschaften dichtrisch nicht schaffen können. Wer im Stande ist,„die Würde der Frauen“ so zu dichten, wie Sch. in dem Gedichte gleiches Namens, oder die Seelenreinheit Theklas im Wallenstein, wer den Zauber der aufblü- henden Jungfrau, die im Stillen schaffende Thätigkeit der deutschen Hausfrau, wer
4) Vergl. J. Hillebrand, die deutsche Nationalliteratur seit dem Anfänge des achtzehnt. Jahrhd. II. S. 351. Alsdann: Jac. Grimm, Rede auf Schiller. Berlin 1859. S. 20. Had
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