Aufsatz 
Rede zur Schillerfeier
Entstehung
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Ad. Stahr mit dem Leben Lessings beschenkt und erfreut haben. Es ist hier nur meine Absicht, in dem Nachfolgenden 1. Beiträge Zur Charakteristik Schillerscher Poesie im Allgemeinen zu liefern 2. auf die sittliche Kraft hinzuweisen, welche den Mann wie den Dichter auszeichnete au ihn wié ein Leben für die deutsche Nation hauptsächlich unvergänglich machte

Ich erlaube mir zur Werahn ch ines Missverstündhnisses gleich Eingangs meiner Dar- stellung die Bemerkung, dass ich nicht⸗zu den Freunden deutscher Poesie gehöre, welche alle poetische Leistungsfähigkeit in einem Manne und in seiner Thätigkeit für abge- schlossen und fertig, und eine Vervollkommnung derselben in einer andern Person für unmöglich halten. Aber ich spreche es unumwunden aus, einen Dichter, in dem die Nation mit ihren geistigen Neigungen und Eigenthümlichkeiten sich auf das Treuste ab- spiegelt, der ihre Grösse und ihre Kraft, ihren Ernst und ihre Tiefe, ihre Aus- dauer, ihren Zorn, ihren Stolz, ihren Muth und ihren unerschütterlichen Sinn für Freiheit besitzt und repräsentirt, einen solchen Dichter haben wir nur einen, und dieser ist Friedrich Schiller.

Wie sollte ein Volk nicht bis auf den letzten Mann kämpfen, wenn es einen Diehter erzeugt, wie Schiller! Ich kann mir keinen gebildeten deutschen Jüngling denken, sagt Henrik Steffens, der nicht wünschte ein Marquis Posa zu sein. ¹)

Und in der That, zu ihm fühlt sich der Jüngling hingezogen, denn in ihm erkennt er seine eigene geistige Heimath. Bei ihm findet er Beruhigung in den unverschuldeten Leiden, welche ihm äusserer Druck und Entbehrung auferlegen, jenes zur Gewohnheit gewordene Joch deutscher Dichter und Gelehrten, welches Lessing mannhaft trug, und welches Schiller getreulich getragen hat, bis ein deutscher Fürst den Adel seiner Gesin- nung und seiner Muse herausfühlte, bis ein verwandter Dichtergenius sich mit ihm ver- band, dessen kühnen Flügelschlag mit dem seinigen unterstützte, und in Schiller und Göthe eine Vereinigung geschaffen wurde, welche durch ihren Segen für Mit- und Nach- welt unvergleichlich und ewig dasteht. Bei ihm findet er endlich jene Grösse und Hoheit, zu welcher er gern und in liebender Bewunderung hinaufblickt. Denn in der ungetrübten und ungeschwächten Natur des Deutschen ist ein natürlicher Widerwille gegen das Gemeine und Kleinliche, gegen die Nichtigkeit und Oberflächlich- keit begründet.

Und worin besteht der Vorzug deutscher Gelehrten und Philosophen vor denen anderer Nationen? Es ist eben die deutsche Tiefe, die Gründlichkeit, der Fleiss, womit Riesenwerke in Angriff genommen und auch beendigt werden, es sind Schöpfun- gen, den colossalen Bauwerken der alten Aegypter vergleichbar, vor denen die Schwäche und die Flüchtigkeit erschrickt, indem sie keine Ahnung hat von dem Vorhandensein einer Ausdauer, welche es zu jenen Resultaten brachte. Diese Unlust, dieses Missfallen an dem Oberflächlichen ist es aber, die uns von den ephemeren Produetionen der Tages- poesie hinweg und zu der stillen Grösse des Schillerschen Geistes, zu seinen gewaltigen Dramen, zu dem Scharfblick seiner Philosophie und zu der Vertrauen einflössenden Wahr- heit seines Wortes hinführt.

Es giebt, wir können es nieht leugnen, und rings in unserer Nähe, ein modernes

Wohlgefallen an leichten Poesien, es ist eine Glace-Literatur, eine Kurzweil für den Salon, geschaffen worden. Aber theils ist Gott Lob die Zahl derer, welche an dem tauben Géstein solcher Literaturschachte Geschmack finden, noch nicht die überwiegende; theils fängt man hie und da an, die Stückehen edeln Metalles, und wären es auch nur mi- kroskopische, aus jenen Schachten auszusichten; theils endlich ist die Rückkehr auch der Yerirrten 2u den ächten Perien. und Ldelsteiien deutscher Poesie sicher und eden

5 1) I StetensDie vier Norweget L=8142. 7 Hi 1977