Aufsatz 
Rede zur Schillerfeier
Entstehung
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Fins Lehranstalt, welche 1849 mitten in einer schwankenden Zeit, gleichsam um sich in der Ausübung ihres ewigen Berufes auf einem gemeinschaftlichen unbetheiligten geistig-künstlerischen Gebiete freudiger Anerkennung zu sammeln, den hundertjährigen Geburtstag Göthes einfach und anspruchlos feierte, wie es im Programm pro 1849 be- schrieben worden, musste sich wahrlich doppelt aufgefordert fühlen, wie damals schon angedeutet wurde, auch dessen jüngeren Geistesbruders Schillers Säkularfeier würdig zu begehen. Die damals wunschweise ausgesprochene Hoffnung, dass unsrem Saale neben Göthes Brustbilde an diesem Gedächtnissfeste Schillers Bildniss nicht fehlen möchte, war längst(1852 aus dem Erlös einer musikalischen Aufführung der oberen Singklasse(s. Pro- gramm 1852, p. 5, 6) erfüllt; diese Büste war auf einer eigenen Säule vor der Redner- bühne, in der Nähe von Luthers Brustbilde aufgestellt, der Saal überhaupt gebührend geschmückt. Auf der Erhöhung um die Rednerbühne hatten die Klassen III., II., I., VI. und V. ihre Plätze angewiesen erhalten, längs den nördlichen Fenstern war IV. aufge- stellt. Das Publikum, in erster Reihe die Angehörigen unsrer Schülerschaft, hatte, soweit es der beschränkte Raum gestattete, auf Verlangen eigene Eintrittskarten erbalten, der- gleichen auch am Tage der Feier selbst, zum bleibenden Andenken an sämmtliche Schüler ausgetheilt wurden. Nachdem der von dem Positiv begleitete Choral(64 Lieder. Nr. 31, Vers 1. 5) allgemein gesungen war, hielt der Professor Dewischeit, dessen Eifer die schöne Feier ganz besonders begünstigt hatte, folgende Festrede:

Hochgeehrte Versammlung!

Wir haben uns heute hier vereinigt, um in festlicher Weise das Andenken an einen deutschen Mann zu erneuern, welcher eben heute vor hundert Jahren zum ersten Male das Licht der Welt erblickte. Es ist unser Friedrich Schiller, welcher am 10. No- vember 1759 zu Marbach in Würtemberg geboren, unter frühzeitigen Kämpfen mit einem hadernden Geschick sich mit deutschem Muthe in deutscher Kraft befestigte und darin wurzelte, er, ein riesiger Obelisk, ein Merkzeichen für den unkundigen Wanderer durch die weite, wüste Leere des an Poesie arm gewordenen Vaterlandes.

Es kann an dieser Stätte mein Zweck nicht sein, bekannte biographische Notizen aus des Dichters wechselvollem Leben zu geben, Nachrichten, welche unter den verschie- densten Darstellungsformen als Lebensbeschreibung, Roman, Drama und Literaturgeschichte längst in die Nation übergegangen sind und ihr dauernd angehören. Schon seit längerer Zeit haben Gustav Schwab und Hofmeister Schillers Leben und Schriften zum Ge-

genstande ausführlicher Darstellung gemacht: und gegenwärtig befindet sich bereits theil- weise in unsern Händen ein Werk von Palleske, welches das Schaffen des grossen Dichters aus weitern Gesichtspunkten auffasst und eine grössere Vielseitigkeit der Beur- theilung bringt, etwa in der Weise, in welcher uns Lewes mit dem Leben Göthes und

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