Aufsatz 
Schiller und Goethe : Ein Vortrag
Entstehung
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bis Wahrheit und Schönheit die Herzen der echten Freiheit empfänglich machen. So ward ihm die Kunſt, die ihm anfangs nur Mittel geweſen, die er nur gewählt hatte, weil er nicht handeln konnte, jetzt höchſter Zweck. Ihrer hohen Beſtimmung gemäß verlangt er von der Dichtkunſt,ſie ſolle die Sitten, den Charakter, die ganze Weisheit ihrer Zeit geläutert und veredelt in ihrem Spiegel ſammeln und mit idealiſirender Kunſt aus dem Jahrhundert ſelbſt ein Muſter für das Jahrhundert erſchaffen; und ſtellt an den Dichter die Forderung,ſeine Individualität ſo ſehr als möglich zu veredeln, zur reinſten, herrlichſten Menſchheit hinauf⸗ zuläutern. Und er ſtellte nicht nur dieſe Forderungen, er erfüllte ſie auch. Nachdem er im raſtloſen Gedankenverkehr mit hochgebildeten Freunden, Körner, W. v. Humboldt, Göthe, ſich das Weſen der Poeſie überhaupt, den Unterſchied der antiken und modernen ins Beſon⸗ dere zum Bewußtſein gebracht, die Vorzüge und Schwächen ſeines Dichtergenies ergründet hatte, machte er den Uebergang von der Philoſophie zur Poeſie in jener herrlichen Gedan⸗ kenlyrik, Ideendichtung oder wie man ſie auch nennt, den philoſophiſchen, kulturhiſtoriſchen Gedichten, womit er der Lyrik ein ganz neues Gebiet erobert hat. Zu dieſen Gedichten bemerkt Vilmar:Es iſt eine abgedroſchene Phraſe: der Künſtler habe ſich ſelbſt übertroffen; für dieſe Gedichte aber iſt dieſe Phraſe keine Phraſe, ſondern die allerbuchſtäblichſte Wahr⸗ heit: weit über ſich ſelbſt hinaus, weit hinaus in Regionen, die Schiller der Menſch niemals geſchauet hat, erhebt ſich hier Schiller der Dichter, das alte Wort großartig und faſt rührend erfüllend, daß der Dichter ein Weißager iſt und von göttlichem Geiſte getrieben. Doch erſt mit dem Wallenſtein errang er den Kranz. An Göthe ſich anlehnend, dem er eine neue Jugend verſchaffte, lernte er von dem Objekte das Geſetz empfangen, eoncrete Geſtalten mit idealem Inhalte erfüllen. Schöpfung folgte auf Schöpfung in ſchönſter Harmonie von Objektivem und Subjektivem, von Idealem und Realem mit immer richtiger eingeſehenen Geſetzen, ſtets höher geſteigerten Forderungen.

Faſſen wir die Reſultate unſerer Betrachtung kurz zuſammen, ſo ergiedt ſich, daß Göthe unſer größter Lyriker und Epiker, Schiller unſer größter Dramatiker iſt, daß ein Je⸗