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Seele zu führen. Sie will, daß die Seele ganz Auge ſei; Empfindung und Begehren ſollen in reiner Anſchauung aufgehen.“
Schiller hatte mit dem Don Carlos den Ideenkreis der politiſchen Freiheit durch⸗ laufen. Er hatte in den Räubern die Geſellſchaft im Ganzen, im Fiesko die Ueberhebung des Ehrgeizes in der Republik, in Kabale und Liebe das zerklüftende Standesweſen, endlich im Don Carlos den Despotismus befehdet. Um ſich aufzubauen, griff er zum Buch der Geſchichte. Allein je mehr er ſich in ſie vertiefte, deſto mehr erlahmten die Schwingen ſeiner Phantaſie. Nur ſelten und launenhaft ſtellte ſich die Muſe ein. Er vermißte die Kühnheit und Gluth der früheren Jahre. Er„ſah ſich jetzt erſchaffen und bilden, beobachtete das Spiel ſeiner Begeiſterung, und ſeine Phantaſie betrug ſich mit minderer Freiheit, ſeitdem ſie ſich nicht mehr ohne Zeugen wußte.“ Er fühlte den Mangel an Leichtigkeit und erkannte den Grund:„Die Ideen ſtrömen ihm nicht reich genug zu und ſeien nicht klar, ehe er ſchreibe.“ Seinem ſcharfen Auge konnten die Mängel ſeiner bisherigen Schöpfungen nicht verborgen bleiben; aber er iſt überzeugt, daß wenn ihm erſt Kunſtmäßigkeit zur zweiten Natur geworden, auch ſein inneres Dichterleben zurückkehren werde. Und unn begann eine Geiſtesarbeit, wie ſie kaum je ein Menſch im Leben durchgemacht hat. Weil er durch die Dichtung nicht mehr wirken konnte, wandte er ſich der Weltgeſchichte zu, das Intereſſe für die Poeſie, das fort und fort lebendig blieb, nur durch das Studium der Alten und an Shakeſpeare's und Göthes vollendeten Kunſtſchöpfungen befriedigend. Die Geſchichte, in der er nach den treibenden Ideen forſchte, führte ihn zur Philoſophie, um ſich das Weſen und die Geſetze der Kunſt zum Bewußtſein zu bringen. Er richtete ſeinen Blick auf die welt⸗ erſchütternden Begebenheiten des Nachbarlandes:„die phhſiſche Möglichkeit, das Geſetz auf den Thron zu ſtellen, ſcheint gegeben,— aber der freigebige Augenblick findet ein unempfäng⸗ liches Geſchlecht. Die Menſchheit hat ihre Würde verloren, nur die Kunſt kann ſie wieder⸗ herſtellen. Daraus ergeht an ihn die Mahnung:„Umgieb Deine Zeitgenoſſen mit großen, mit geiſtreichen Kunſtformen, ſchließe ſie rings um ein mit den Symbolen des Vortrefflichen,


