Aufsatz 
Schiller und Goethe : Ein Vortrag
Entstehung
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ſtalten neben der griechiſchen und italieniſchen Dichtung. Eine mächtige Sehnſucht zog ihn nach Italien. Es war der Drang ſeiner künſtleriſch organifirten Natur, die es verlangte, in der Sphäre einer ihr geiſtesverwandten Welt zu leben. In Italien fand ſich Göthe nach ſeinem eigenen Bekenntniße zuerſt ſelbſt, hier wurde er mit ſich ſelbſt übereinſtimmend, glücklich und vernünftig. Hier erkannte er den Unterſchied der antiken und modernen Dichtung: Die Alten, ſchreibt er an Herder, ſtellten die Exiſtenz dar, wir gewöhnlich den Effekt, ſie ſchilderten das Fürchterliche, wir ſchildern fürchterlich, ſie das Angenehme, wir angenehm. Daher kommt alles Uebertriebene, alles Manierirte, alle falſche Grazie, aller Schwulſt, denn wenn man den Effekt und auf den Effekt arbeitet, ſo glaubt man ihn nicht fühlbar genug machen zu können. Das harmoniſche Zuſammenwirken der ſchönſten Natur und Kunſt brachten den Dichter in ihm zur Vollendung, der nun das Ideal der Dichtung in der Har⸗ monie von Wahrheit und Schönheit ſah und ſuchte. Er ward nicht müde die künſtleriſchen Geſtalten zu beſchauen und ſich einzuprägen. Um die Antike recht und ganz zu verſtehen, ſuchte er durch Zeichnen und Modelliren ſeinen äſthetiſchen Formſinn zu vervollkommnen. Hierdurch eignete er ſich jenen klaren Blick für Maaß und Schönheit an, wie er nur immer den alten plaſtiſchen Künſtlern eigen geweſen iſt. Nun ward ihm klar, daß an ſeinen un⸗ vollendeten Gedichten nichts, am allerwenigſten die proſaiſche Form bleiben dürfe. Jetzt zog er die Iphigenie hervor, deren Anfangsmonolog er ſchon an den Ufern des Gardaſees um⸗ gedichtet hatte, als ihm die windbewegten Wogen entgegenrauſchten, und er das Land ſeiner Sehnſucht vor Augen ſah. Zeile für Zeile wurde in Jamben überſetzt, und mancher neue, die Schönheit erhöhende Zug hinzugedichtet. Die Iphigenie iſt das Symbol des zur Ruhe und Klarheit gekommenen Dichters, ein wundervolles dramatiſches Gedicht, in welchem die Blüthe der chriſtlichen Bildung mit der kryſtallnen Klarheit antiker Form harmoniſch vermählt iſt. Alle ſeine kolgenden Werke entſtanden unter dem Einfluß der altklaſſiſchen Kunſt, die wie Poggel in ſeiner Theorie des Gleichklangs darthut,kein höheres Ziel kennt, als den Gegenſtand in ſeinem reinſten Lichte, mit ſeinen feinſten Farben und Schattirungen vor die