Aufsatz 
Schiller und Goethe : Ein Vortrag
Entstehung
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12 Sein Ideal iſt die Freiheit, in ſeiner Jugenddie phyſiſche, ſpäter die ideelle, die ihn tödtete, weil er Anforderungen an ſeine Natur machte, die für ſeine Kräfte zu gewaltſam waren. Auch Göthe trieb es gleich bei ſeinem erſten dichteriſchen Auftreten nach den tra⸗ giſchen Höhen. Auch er hatte Kämpfe darzuſtellen, die er allein oder mit ſeiner ganzen Zeit durchgerungen hatte, Kämpfe, um dem Natürlichen, rein Menſchlichen Anerkennung und Geltung zu verſchaffen, Kämpfe der Entſagung, innere Seelenleiden, Herzenscolliſionen. Er iſt der Tragiker der Empfindung. Sein Ideal iſt die harmoniſche Befriedigung der Exiſtenz. Er iſt beſtrebt, die beſtehenden ſittlichen Grundlagen mit den Forderungen der Natur zu verſöhnen, ſucht mehr unſer Mitleid zu erregen als zu erſchüttern. Schillern geſtaltete ſich die Tragödie zum Kampfplatz des menſchlichen Willens gegen die Uebermacht des Geſchicks,die mit der Ohnmacht, Schlaffheit, Charakterloſigkeit des Zeitgeiſtes und mit einer gemeinen Denkart zu ringen hat; ſie muß alſo Kraft und Charakter zeigen das Gemüth zu erſchüttern, zu erheben, aber nicht aufzulöſen. Göthes Dramen ſind mehr dramatiſche Gedichte; es fehlt die ſpannende Handlung. Die Charaktere treten in den Vordergrund, meiſt irrende, dem geſchichtlichen Leben abgewandte Menſchen, von großer Naturwahrheit, aber oft von unpoetiſcher Schwäche. Schillers Charaktere zeichnen ſich durch ſchöne Idealität aus, haben Etwas von ſeiner geiſtigen und ſittlichen Hoheit, ſie ſind kräftig und hochſtrebend aber oft der Natur entgegengebracht, da er dieſer nicht geſtattete, auf ihn zu wirken, ſondern, wie Humboldt ſagt, ſelbſtthätig ihr entgegeneilte, nicht ſowohl aus ihr ſchöpfte, als nur durch ſie begeiſtert ihr Bild in ſich durch eigene Kraft ſchuf. Beide Dichter blickten mit Unbefriedigung und Mißſtimmung auf die dramatiſchen Schöpfungen ihrer Sturm⸗ und Drangperiode, Göthe beſonders auf ſeine Leiſtungen in Weimar. Große, bedeutende Stoffe waren in Angriff genommen worden: Egmont, Fauſt, Taſſo, Mahomet, Ahasverus, Wilhelm Meiſter, nichts wurde beendet. Der alte Ton war verklungen, und der neue nicht zu treffen. Der geniale Naturalismus, das Streben nach bloßer Naturwahrheit befriedigte nicht mehr. Er erkanntedas Mangelhafte der nordiſchen Kunſt, die zufälligere Natur, die roheren Ge⸗