Aufsatz 
Schiller und Goethe : Ein Vortrag
Entstehung
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daſſelbe zur Darſtellung zu bringen. Darin zeigt er die höchſte Genialität. In dem Kampfe aber, das Innere in anſchaulicher Form auszudrücken, iſt er nicht ſo glücklich als Göthe, der immer von der Situation ausgeht. Was die epiſche Dichtung anbetrifft, ſo glaubte Schiller die Erforderniſſe dazn zu beſitzen, eines ausgenommen,den allgemeinen über alles ſich ver⸗ breitenden Blick des Beobachters. Der epiſche Dichter, ſchreibt er an Körner, reiche mit der Welt, die er in ſich habe, nicht aus, er müſſe in keinem gemeinen Grade mit der Welt außer ihm bekannt und bewandert ſein, dies aber fehle ihm. Er hat keinen ſeiner groß⸗ artigen Pläne ausgeführt. Seine Balladen gehören zu den herrlichſten der deutſchen Dichtung und ſtehen den Göthiſchen würdig zur Seite. Sein Geiſterſeher bekundet ein großes Talent für den Roman, und nach H. Kurzwar Schiller wie kein anderer berufen einen deutſchen Roman zu ſchaffen. Seine eigentliche Domäne war die Tragödie, die den Menſchen im Kampf mit dem Schickſal darſtellt, und in der die Hauptwirkung durch das Gefühl des Erhabenen geſchieht.Alles drängt ſich hier dem Moment der Entſcheidung entgegen, die Kraft des Geiſtes und des Charakters muß ſich bis zur höchſten Anſpannung ſammeln, um die Macht des Schickſals zu überwinden und ſich ganz in ſich ſelbſt zurückziehen, um ihr nicht zu unterliegen. Dieſen Zuſtand in ſeiner ganzen Größe zu ſchildern, fordert die höchſte und reinſte Energie des Genie's. Das Verhältniß des Menſchen zum Schickſal darzuſtellen, iſt eigentlich die Darſtellung einer Idee; je ſelbſtthätiger und freier hier das Genie wirkt, je größeren Ideengehalt es in das Gefühl zu verweben weiß, deſto größer iſt die Wirkung. Schiller iſt Tragiker von Geburt und durch die ſchweren Schickſale ſeines Lebens, zu deren Ueberwindung er oft ſeines ganzen Mannesmuthes bedurfte. In allen ſeinen Tragödien auch in den früheſten tritt ſeine ausnehmende Begabung zu Tage: Das Ineinan⸗ dergreifen der Handlung, die ſpannende Verwickelung und befriedigende Entwickelung derſelben, die den Zuſchauer einnimmt und ihn ſeiner ganz vergeſſen macht; Schwung des Ausdrucks und Gedankenfülle. Er iſt der Tra⸗ giker der That, der die Welt nach den Idealen ſeines Herzens umzugeſtalten trachtet.

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