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Blick, der rein und ſtill auf den Dingen ruhete, im Einzelnen das Allgemeine unmittelbar und weſenhaft ergriff, ſetzte ihn in Stand, die Gegenſtände anſchaulich und naturgetreu wieder zu geben. Dieſe Eigenthümlichkeit ſeines Dichtergenies befähigte ihn beſonders für die Epik. Ihr gehören ſeine vollendetſten Schöpfungen an, deren Krone Hermann und Dorothea iſt. Schiller iſt„der Dichter des Erhabenen“, wobei Zwieſpalt zwiſchen dem Unendlichen und Uebergewicht des Erſteren obwaltet; er ſtellt die Welt dar, wie ſie ſein ſoll. Ihm iſt nicht wohl in dieſer ſchlechten Wirklichkeit; er ſieht in der Natur und Wirk⸗ lichkeit nur Sinnbilder ſeiner geiſtigen Zuſtände. Der Spruch:
„Wiſſet ein erhabener Sinn Legt das Große in das Leben Und er ſucht es nicht darin.“
iſt das Motto ſeines Lebens. Er blickt von der Höhe des Ideals, ſtets bereit das Allge⸗ meine an das Beſondere anzuknüpfen. Sein Dichtergenie ſchien ihn weder für die Lyrik noch für die Epik heſonders zu befähigen. Er ſelbſt betrachtete„das lyriſche Fach mehr für ein Exil als für eine eroberte Provinz.“ Dennoch iſt ſeine Lyrik umfangreicher und beſſer als man gewöhnlich annimmt und nach der Aeußerung des Dichters anzunehmen berechtigt wäre. Wir finden bei ihm alle Fächer vertreten: Lied, Ode, Elegie, Hymnus, Satyre, Epigramm. Erhabenheit und Gedankenwucht iſt im Allgemeinen der Grundcharakter ſeiner Lyrik. Göthe zeigt die Welt im Spiegel des reinſten Gemüthes; Schiller vermählt der Melodie des Herzens die Tiefe des Gedankens. Treffend bemerkt Hinrichs:„Die Lyrik Schillers hat das Eigne, daß das Große, Edle und Ewige darin als eine Herzensange⸗ legenheit erſcheint. Er fängt faſt nie von einer beſondern Situation an, ſondern von den höchſten Ideen, die ſeine Seele erfüllen. In dieſe als in das allgemein Vernünftige ſich vertiefend, geſtaltet er daſſelbe für die Phantaſie, und glüht von Begeiſterung, den Inhalt ſeines Gemüthes auszuſprechen. Da das Höchſte in ihm mächtig iſt, ringt er gewaltig,


