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ihn, ſeine ſittliche Entrüſtung ausſtrömen zu laſſen, den Vernichtungskampf gegen die morſchen ſittlichen Grundlagen der Geſellſchaft zu beginnen,— und ſo entſtanden die Räuber.
Göthe iſt der geborene Lyriker; er dichtete weil er mußte, weil die über⸗ ſtrömende Empfindung ihn dazu trieb. Alle Erregungen ſeiner Seele ſind zugleich Erregungen ſeiner Phantaſie. Alles drängte ſich ihm zu poetiſcher Geſtaltung. Er hat alle Saiten des menſchlichen Herzens erklingen und ausklingen laſſen. Der Inhalt ſeiner Lieder iſt unendlich mannigfaltig: Gottheit, Natur, Liebe, Geſelligkeit, Kunſt,— Alles iſt von ihm beſungen worden und zwar mit einer Unmittelbarkeit der Empfindung, Naturtreue, inneren Wahrheit und Einfachheit, daß ſeinen Liedern Nichts in der ganzen neueren Poeſie an die Seite geſetzt werden kann. Schiller griff zur Dichtung, um zu wirken, um für Ideen zu begeiſtern. Noch in den Briefen über den Don Carlos heißt es an einer Stelle: „Vielen dürfte dieſer Gegenſtand für die dramatiſche Behandlung zu abſtract und zu ernſt⸗ haft ſcheinen; aber es ſchien mir eines Verſuchs nicht ganz unwerth, Wahrheiten, die Jedem die heiligſten ſein müſſen, und die bis jetzt nur das Eigenthum der Wiſſenſchaft waren, in das Gebiet der ſchönen Künſte herüberzuziehen, mit Licht und Wärme zu beſeelen und, als lebendig wirkende Motive in das Menſchenherz gepflanzt, in einem kraftvollen Kampfe mit der Leidenſchaft zu zeigen. Hat ſich der Genius der Tragödie für dieſe Grenzenverletzung an mir gerächt, ſo ſind deßwegen einige nicht ganz unwichtige Ideen, die hier nie⸗ dergelegt ſind, für— den redlichen Finder nicht verloren.“ Schilker iſt durch und durch Energie; ſein ganzes Streben geht im Handeln auf. Sein Dichtergenius konnte daher nur im Drama Genüge und Befriedigung finden, das die Verherrlichung des freien und handelnden Menſchen geſtattet und einen Geiſt erfordert, der fähig iſt, auf gewaltige Effekte hinzuarbeiten, alle Kräfte der Seele zu einer großen Aufgabe anzuſpannen. Göthe, der harmoniſch Geſtimmte, iſt„der Dichter des Schönen“, das auf dem Gleichgewicht zwiſchen dem Unendlichen und Endlichen beruht. Er ſtellt die Welt dar, wie ſie iſt. Er ſieht keinen Zwieſpalt zwiſchen ſich und der Außenwelt, geht liebevoll in ſie ein, und ſein
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