Aufsatz 
Schiller und Goethe : Ein Vortrag
Entstehung
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raum geſtattet. Das Auge war bei ihm das Organ, womit er die Welt erfaßte, und überall im elterlichen Hauſe, in ſeiner an hiſtoriſchen Erinnerungen, an Handel und Wandel ſo reichen Vaterſtadt, in der freien Natur ward ſeinem Anſchauungstriebe die reichlichſte Nah⸗ rung geboten. Es war ihm verſtattet, Alles ſelbſt zu erleben und zu erfahren, durch das Leben für das Leben ſich zu bilden bald im Verkehr mit ſtrebenden Altersgenoſſen, bald in bildenden Frauenkreiſen. Dem ſchönen Jünglinge fliegen alle Herzen zu. Früh geſtaltete ſich ihm das Leben zu einem harmoniſchen Daſein. Im Einklange mit ſich und der Natur ruhete er an ihrem Buſen beſchauend, genießend, und ſein Gefühl ward zum Liede, zum melodiſchen Geſang. Er erfährt der Liebe Freude und Leiden, und ſeine Empfindung ſtrömt über bald jauchzend und frohlockend, bald wehmüthig klagend und trauernd. Und ſo kann er ſein Lebtag nicht ablaſſen, was ihn erfreute, quälte oder ſonſt wie beſchäftigte in ein Bild, ein Gedicht zu verwandeln.Ihm gab ein Gott zu ſagen was er litt.

Schillers Jugend legte den Grund zu einem erhabenen Charakter. Das vom Geiſte der Liebe und Frömmigkeit durchwehete Elternhaus, die Abgeſchiedenheit eines ländlichen Wohnorts, die Lektüre der Propheten und der raſtloſe Trieb des Lernens gaben ihm früh eine ernſte, in ſich gekehrte Richtung. Seine poetiſche Begabung zeigte ſich früh, aber eben ſo früh erwachte auch der Denker in ihm. Mit religiöſen, poetiſchen Ergüſſen wechſelten Geſpräche über die tiefumnachtete Zukunft, Klagen über das Schickſal und Pläne für die kommende Zeit. Sein Herzenswunſch, Prediger zu werden, mußte dem Willen ſeines Herzogs geopfert werden, der den 13 jährigen, vorzüglich begabten Knaben für ſeine neu geſtiftete, militäriſch organiſirte Karlsſchule begehrte. Er widmete ſich der Medicin, aber Poeſie war ſeine liebſte Beſchäftigung. Aus Plutarch, Rouſſeau, Klopſtock u. a. ſchuf er ſich ſeine Ideenwelt, die auf das Schroffſte mit der Wirklichkeit collidirte; denn in ihm war Karl Moor, draußen Franz. Wie gern hätte er in die Räder des thätigen Lebens eingegriffen, um ſeine Ideale zu verwirklichen! Er empfand das friſche Wehen des neuen Zeitgeiſtes, und dies ſteigerte nur ſeinen Unmuth über den Druck, dem er ausgeſetzt war. Es drängte