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Wirklichkeit zu erkennen, geht von dem Einzelnen, Empiriſchen aus, ſteigt aufwärts von der Natur zum Geiſte, von dem Beſonderen zum Allgemeinen immer den ſichern Boden der Wirklichkeit feſthaltend. Jener geht von einem idealen, aprioriſtiſchen Standpunkte aus, vom Geiſte zur Welt, vom Allgemeinen zum Einzelnen und iſt geneigt die Idee vorwalten zu laſſen. Zur letztern Richtung bekennt ſich Plato, Vertreter der erſtern iſt Ariſtoteles. In der Moral ſucht der Ariſtoteliker die höchſte Sittlichkeit in der geſunden Entwicklung und in dem harmoniſchen Zuſammenwirken aller menſchlichen Kräfte; der Platoniker ſtellt ein unerreichbares Ideal auf als Ziel fortwährenden Strebens. Dieſer Gegenſatz einer idealen und einer mit Vorliebe die Natur und Wirklichkeit erfaſſenden Weltanſchauung zeigt ſich auf allen Gebieten des Wiſſens und der Kunſt und tritt beſonders ſcharf in unſern beiden Dichtern zu Tage, in Göthe der Realismus, in Schiller der Idealismus. Beide Geiſtes⸗ Richtungen haben ihre Vorzüge und Schranken. Um das Höchſte, Vollendetſte auf dem poetiſchen Gebiet hervorzubringen, müßen beide zur Ausgleichung und Verſöhnung gelangen. Der Realismus hat die Aufgabe, das Einzelne, Beſondere in den Aether der Allge⸗ meinheit zu erheben, ſich nicht in das Niedrige, Gemeine zu verlieren; dem Idealismus iſt das Ziel geſteckt, das Allgemeine in concreten, lebensvollen Geſtalten zur Darſtellung zu bringen, ſich nicht in weſenloſen Gedanken, phantaſtiſchen Träumereien und hohlen Figuren zu ergehen.⸗ Demnach kann bei einer Beurtheilung beider Dichter nicht die Frage ſein, in wiefern der Eine den Andern übertreffe oder ihm nachſtehe, ſondern ob Jeder ſeiner Natur entſprochen, ſeine Aufgabe erfüllt habe. Daß dies aber von Beiden in umfaſſendſter Weiſe geſchehen iſt, dürfte eine wenn auch noch ſo ſfizzenhafte Charakteriſtik Beider. unſchwer ergeben. Göthe war ein Wunderkind, von Natur und Glück geſegnet, wie wenige Sterbliche. Die Natur hatte ihn zum Dichter beſtimmt, und Alles vereinigte ſich in ſeiner Umgebung, ſein Dichterleben ſo frühzeitig als möglich zur Entfaltung zu bringen. Ein künſtleriſch gebildeter Vater, eine naiv poetiſche Mutter leiteten ſeine Erziehung. Mit zwölf
Jahren ſchrieb er einen Roman in ſieben Sprachen. Seinen Kräften war der freiſte Spiel⸗


