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deutſche Litteratur ſo reich iſt, nichts Vortreffliches zu finden iſt. Es iſt eben nur Einzelnes bei den Einzelnen, was Anſpruch auf dauernde Geltung hat, während bei Göthe und Schiller gerade das Vortreffliche in reichſter Fülle geboten wird, und ſelbſt das minder Vollkommene durch irgend einen Zauber an unſer Herz geknüpft wird. Wer aber in dieſen Dichtern erſt feſten Fuß gefaßt, wer die Schönheit und Herrlichkeit Göthiſcher und Schillerſcher Poeſie empfunden und bewundern gelernt hat, der mag immerhin nach Neigung und Wehlverwandt⸗ ſchaft mit dieſem und jenem Dichter Bekanntſchaft und Freundſchaft ſchließen, bei dieſem und jenem einkehren, mag im Dunkel⸗ und Dämmerſchein der Romantik träumen oder in den unergiebigen Schacht der ephemeren Tagespoeſien hinabſteigen,— mit deſto größerer Freude wird er die herrliche Tagesſonne der Schillerſchen und Göthiſchen Dichtung begrüßen, ſei es, daß er nach dem Glanz und der belebenden Wärme der erſten, oder nach den milden, erquicklichen Strahlen der letztern, oder— was freilich das Beſte iſt— nach beiden zugleich Verlangen trägt. Sie ſind die Repräſententen unſerer neuen klaſſiſchen Dichtung, ſchufen in allen Zweigen muſtergiltige Kunſtwerke, drückten der Sprache ihr Gepräge auf und gaben für alle Zeit die entſcheidendſten Impulſe. In ihnen liegen in unerſchöpflicher Fülle die Ideen, nach denen ſich unſer geiſtiges und ſittliches Leben geſtaltet und aufbaut. Leider aber hat es nicht an Kritikern und Litteraturhiſtorikern gefehlt, die uns den Genuß dieſer Dichter zuver⸗ kümmern ſuchten, die ſich nur in ausſchließender Beurtheilung gefielen, den Einen nur auf Koſten des Andern zu erheben wußten,— nicht im Sinne und Geiſte unſrer Dichterfürſten, die ihrer großen Verſchiedenheit ſehr wohl ſich bewußt,„in ihrem Sein und Streben ſich als ein Ganzes denken wollten, um ihr Stückwerk nur einigermaßen vollſtändig zu machen.“ Dieſer Geſichtspunkt iſt vor allem bei einer Beurtheilung Göthes und Schillers feſtzuhalten. Neigung und Vorliebe für den Einen oder den Andern kann kein vollgiltiges Urtheil ab⸗ geben. Nicht das Maaß des Einen iſt der Andere, ſondern die Ergänzung. Friedrich Schlegel hat zuerſt die treffende Bemerkung gemacht, daß jeder Menſch mehr oder weniger ein geborner Platoniker oder Ariſtoteliker ſei. Dieſer ſucht die Dinge in ihrer poſitiven


