Aufsatz 
Schiller und Goethe : Ein Vortrag
Entstehung
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Gedachte angemeſſen und ſchön auszuſprechen und erfüllen ihn mit einer höheren, idealen, zu Thaten begeiſternden Weltanſchauung. Dem gereifteren Alter wird die Dichtung noch von einer andern Seite unentbehrlich. Denn,bei der Vereinzelung und getrennten Wirk⸗ ſamkeit unſerer Kräfte, ſagt Schiller, die der erweiterte Kreis des Wiſſens und die Abſon⸗ derung der Berufsgeſchäfte nothwendig macht, iſt es die Dichtkunſt beinahe allein, welche die getrennten Seelenkräfte wieder in Vereinigung bringt, welche Kopf und Herz, Scharfſin und Witz, Vernunft und Einbildungskraft in harmoniſchem Bunde beſchäftiget, welche gleich⸗ ſam den ganzen Menſchen in uns wiederherſtellt. Aber nicht Alles iſt Poeſie, was unter dieſem anſprechenden Namen geboten wird. Um ihren Zauber und ihre Macht rein und ganz zu empfinden, müſſen wir vor allen über die ungeſalzene Modenovelliſtik hinweg zu unſern großen Klaſſikern hinauf unſere Blicke richten, bei⸗ Göthe und Schiller wieder Einkehr halten. Es giebt ein ſicheres Mittel uns von der Vortrefflichkeit eines Kunſtwerks zu über⸗ zeugen, ohne gerade den ſtrengen Maßſtab äſthetiſcher Geſetze anzulegen, es iſt die mehr oder minder anhaltende mächtige Wirkung, die es auf den Leſer ausübt. Gewiſſe Kunſtwerke ſcheinen uns beim erſten Leſen ganz vortrefflich und dennoch vermögen ſie uns nicht dauernd zu feſſeln. Iſt der Reiz der Neuheit abgeſtreift, dann vermindert ſich das Wohlgefallen, das Gedicht wird uns gleichgiltig, ja wir ſind nicht mehr im Stande es zu leſen. Das klaſſiſche Kunſtwerk dagegen läßt uns anfangs kalt, und erſt allmählig nach wiederholtem Leſen und anhaltendem Studieren entbinden ſich ſeine Zauber. So oft wir zu ihm zurück⸗ kehren, eröffnen ſich unſerm Blick neue, ungeahnte Ausſichten in die Tiefen der Natur und des menſchlichen Lebens.Es iſt mit dieſen Stücken, wie mit einem ausgelegenen Wein; je älter ſie werden, deſto mehr Geſchmack gewinnt man ihnen ab. Ein ſolches Kunſtwerk kann daher nie zu Ende erklärt werden. Es ſcheint alles Große, ewig Wahre herzuſchweben, um ſich in den geſchloſſenen Kreis des Gedichts zu fangen und wieder hinaus zurinnen in alle Welt. So iſt es bei Homer, Aeſchylus, Sophokles, Shakeſpeare, ſo auch bei Göthe und Schiller. Hiermit ſoll nicht geſagt ſein, daß bei den übrigen Dichtern, an denen die