Aufsatz 
Schiller und Goethe : Ein Vortrag
Entstehung
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die Tiefen des Herzens, ſie erſchließt dem geiſtigen Auge das ganze Gewebe der menſchlichen Leidenſchaften; ja in ihrer höchſten Kunſtform, der tragiſchen, legt ſie an einzelnen Geſtalten und Begebenheiten den dunklen Gang der Weltgeſchicke und eine Fülle der Erkenntniß gött⸗ licher Weltordnung dar und löſ't die großen und ſchmerzlichen Diſſonanzen des Lebens ver⸗ ſöhnend auf in höherer Harmonie. Ihr Spiel iſt der tiefſte Ernſt, ihre Täuſchung die vollſte Wahrheit. Sie reinigt die Leidenſchaften durch die Leidenſchaften. Wen aber ſolche Aus⸗ ſprüche, trotzdem daß ſie aus dem Munde der Erleuchtetſten gefloſſen ſind, nicht genügend zu überzeugen vermögen, den verweiſe ich auf die Geſchichte. Sie legt Zeugniß ab von der allumfaſſenden, unwiderſtehlichen Macht der Poeſie. Denn einen wahren Kern enthalten die Sagen von Orpheus, Amphion und andern Sängern der Vorzeit, die nicht nur die Gemüther der Menſchen erſchütterten, ſondern auch auf Thiere, Bäume, Flüſſe und Steine eine ſolche Macht übten, daß ſie gelehrig ihren Tritten folgten. Die Geſchichte thut unwi⸗ derleglich dar, daß die Dichtung die erſte und allgemeinſte Erzieherin und Lehrerin der gebildeten Völker war, die Form, in der faſt bei allen Völkern das Gottesbewußtſein ſich ausſprach, die Quelle, der alle übrigen Künſte und Wiſſenſchaften entfloſſen.Das geſammte Alterthum, ſagt Herder, betrachtete Homers Gedichte als die Quelle aller ſchönen griechiſchen Künſte. Auch Redner und Philoſophen ſchöpften aus dieſer Quelle. Die Geſchichte zeigt endlich, daß mit dem Verfall der Poeſie bei einem Volke ſtets das Verſinken in naturwidrige Zuſtände und die Verſumpfung der Wiſſenſchaft Hand in Hand gingen.

Das Leben des Einzelnen iſt ein Abbild des Völkerlebens. Die Art und Weiſe wie die göttliche Vorſehung das Menſchengeſchlecht im Großen und Ganzen erzieht und zur Vollkommenheit führt, muß ein Fingerzeig ſein zur Erziehung und Bildung des Einzelnen und der Jugend. Und ſo iſt denn auch die Dichtung in den Gymnaſien ein weſentliches ja eins der wichtigſten Bildungsmittel. Denn zielen die übrigen Bildungselemente, die das Gymnaſium zur Anwendung bringt, mehr dahin, das wiſſenſchaftliche Denken in dem Schüler, zu bilden, Wahrheit und Erkenntniß zu fördern, ſo lehren ihn vorzugsweiſe die Dichter das