Aufsatz 
Schillers Wallenstein, für den Unterricht behandelt
Entstehung
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Ich gehe von dem Geſichtspunkte aus, daß die möglichſt vollſtändige und beſtimmte Auffaſſung des concreten Stoffes die Grundlage alles Unterrichts bilden muß, und daß es eine Hauptaufgabe der Schule iſt, einen vorliegenden Stoff geiſtig verarbeiten zu lehren. Demgemäß wird es bei einem Drama zunächſt darauf ankommen, daß der Inhalt der einzelnen Scenen oder Auftritte, und wenn dieſe von einem größeren Umfange ſind, der Inhalt ihrer Theile mit Beſtimmtheit aufgefaßt werde. Als Vor⸗ bereitung dazu ſind die ſprachlichen und ſachlichen Erläuterungen. anzuſehen; doch dürfen dieſe, um nicht die Hauptſache in den Hintergrund zu drängen, nicht über das Nothwendige hinausgehen.) Weiter wird dann die Aufmerkſamkeit hinzulenken ſein auf den Zuſammenhang des Einzelnen, und darin liegt ſchon der Uebergang zu der Richtung des Sinnes auf das Ganze; denn die Bedeutung des Einzelnen für das Ganze, welche das nächſte Moment der Betrachtung bildet, iſt mit dem Zuſammenhang des Einzelnen oft eng verknüpft. So ſchreitet die Betrachtung in allmäͤhlicher Erweiterung fort bis zur Auffaſſung von dem Inhalt des Ganzen nach ſeinen Haupt⸗ mom enten in den einzelnen Acten, wobei aber das Augenmerk des Lehrers ſtets darauf gerichtet ſein muß, daß das Einzelne ſo voll als möglich im Bewußtſein bleibe, oder doch immer wieder zum Bewußtſein geweckt werde. Und wenn dann der Blick noch einmal auf die ganze Folge der Hauptmomente gelenkt und dabei beſonders der Zuſammenhang derſelben ins Auge gefaßt wird: dann wird eine klare und deutliche Anſchauung von der Entwickelung der Handlung des Drama's als Ergebniß

der ganzen Arbeit vor die Seele der Schüler treten. Zum Schluſſe kann dann auch noch die Bedeu⸗ rung des ganzen Stückes(der Gehalt, die Idee), je nach der Befähigung der Schüler, einer mehr oder weniger eingehenden Beſprechung unterzogen werden. Die Charakteriſtik einzelner Perſonen iſt eine Nebenaufgabe, die ganz zweckmäßig ſich anſchließt, und die auch für das eine oder für das anden Stück zum Hauptgegenſtande der Betrachtung gemacht werden kann, die aber nicht nothwendig in dieſen Zuſammenhang gehört.

Auf dieſem Wege müſſen die Schüler zu einem rechten Verſtändniß des ſo durchgearbeiteten Drama's gelangen; und dabei ſind im Laufe der Beſprechung die Einzelheiten durch ſo viele Fäden mit dem Ganzen und untereinander verknüpft, daß die Auffaſſung des Ganzen zugleich die Auſchauung einer Fülle von Einzelheiten in ſich enthakt, d. h. daß das Allgemeine und das Concrete ſich durch⸗ drungen haben; und das muß ja doch das Ziel alles Unterrichts ſein. Das letztere wird indeſſen bei den verſchiedenen Schülern in ſehr verſchiedenem Grade der Fall ſein. Mit dieſem Verſtändniß eines einzelnen Stückes haben ſie nun aber auch eine Vorſtellung davon gewonnen, was ein rechtes Verſtaͤndniß eines ſolchen Werkes ſei; und dieſe Einſicht in Verbindung mit der Uebung, welche die Durcharbeitung ſelbſt gewährt hat, wird ihnen die Fähigkeit geben, nun auch andere Werke beſſer zu verſtehen. Aber auch die andere Seite des oben angedeuteten Zweckes dieſer Lectüre gelangt zur Geltung. Das ſo gewonnene Verſtändniß eines ſolchen Werkes kann nicht verfehlen, geiſtig befruchtend und auregend zu

wirken. Aber noch mehr: das Verweilen bei dem Einzelnen wird den jugendlichen Seelen fo manches bedeutungsvolle Wort erſchließen, über das ſie ſonſt unachtſam hinweggeeilt fein würden. Damit ſoll aber nicht geſagt ſein, daß der Lehrer jedes Wort von tieferem Gehalt ſorgſam erklären ſolle; ich meine vielmehr: was die Schüler von ſelbſt verſtehen können, ja wo ſie auch nur den tieferen Sinn zu ahnen vermögen, da ſoll der Lehrer das Wort des Dichters allein wirken laſſen; der Ton des Vortrags bei dem Leſen von Seiten des Lehrers und das meiſte wird ja wihrend ber Durch⸗

*) Bisweilen bieten einzelne Stellen Gelegenheit zu einer Belehrung über Dinge, die zwar nich zur Sache gehören, die aber ſonſt nicht leicht im Unterricht vorkommen; und ſolche Geleganzeſ mag man immer bennpen, doch i auch hier Beſchränkung nothwendig..