Schiller's Wallenſtein, für den Unterricht behandet.
Die Aufſätze in unſern Schulprogrammen ſollen einem doppelten Zwecke dienen: ſie ſollen einen Verkehr unter den ein⸗ zelnen Schulen vermitteln, und zu dieſem Behuf iſt ja von Seiten der Regierung der Austauſch der Programme angeordnet; ſie ſollen aber auch eine Verbindung zwiſchen der Schule und dem Hauſe, zwiſchen den Lehrern und den Eltern unſerer Schüler herſtellen und unterhalten. Nur ſelten wird indeſſen derſelbe Aufſatz beiden Zwecken in gleichem Maße genugen; wenigſtens dürften diejenigen Arbeiten, welche zunächſt auf den Verkehr mit den Collegen berechnet ſind, nur ausnahmsweiſe zugleich den Eltern unſerer Schüler etwas gewähren. Und zu dieſen möchte auch der vorliegende Aufſatz gehören. Er iſt hauptſächlich dazu beſtimmt, den Collegen eine Mittheilung
zu machen über die Art und Weiſe, wie einzelne Stücke unſerer deutſchen Klaſſiker in unſerer Schule behandelt werden, und dadurch einen Beitrag zur Methodik des deutſchen Unterrichts zu liefern. Sollten indeſſen auch andere, die ſich für die Schule intereſſiren, den Aufſatz leſen, ſo mögen auch ſie darin eine Mittheilung ſehen über die Art und Weiſe des Unterrichts; und den Lehrern kann es ja nur willkommen ſein, wenn recht viele nicht bloß von dem, was die Schule leiſtet, ſondern auch von der Art, wie ſie es zu leiſten ſich beſtrebt, Kenntniß nehmen. Zugleich kann aber auch die nachfolgende Darlegung von dem Inhalt eines Drama's dazu dienen, unſeren reiferen Schulern eine Anregung zu einem aufmerkſameren Leſen unſerer Klaſſiker zu geben.
In allen höheren Schulen, und zum Theil ſelbſt in Bürgerſchulen, werden jetzt in den oberen Klaſſen unſere deutſchen dramatiſchen und epiſchen Dichtungen geleſen. Welchen Zweck haben wir dabei im Auge, wenn wir unſere Schüler auch mit den größeren Werken unſerer ausgezeichnetſten Dichter bekannt zu machen ſuchen? Der Zweck geht, denke ich, theils auf die Gegenwart, theils auf die Zukunft der Schüler. Wir wollen ihnen eine gediegene geiſtige Nahrung geben und dadurch ihr eigenes geiſtiges Leben fördern; wir wollen dabei auch die Fähigkeit bilden, ein größeres Ganze aufzufaſſen, geiſtig zu bewältigen und zu durchdringen: das iſt der nächſte Zweck, der uumittelbar auf die Gegenwart geht. Außerdem wollen wir aber auch für die Zukunft zu gediegener Lectüre Luſt erwecken und das Verſtändniß ſolcher Werke, die nicht in der Schule geleſen ſind, vorbereiten. Dieſer doppelte Zweck bedingt aber auch— natürlich für verſchiedene Werke— eine zwiefache Art der Behandlung.⸗Zu dem erſten gehört die vollſtändige Lectüre eines ganzen Werkes in der Klaſſe und eine eingehende Betrachtung; das zweite erfordert ein kurzes Beſprechen und einzelne Winke, welche geeignet ſind, Luſt zu erwecken und zu einem rechten Ver⸗ ſtändniß den Weg zu zeigen.*) Auf die letztere Art der Behandlung gehe ich hier nicht weiter ein, indem ich nur für die Beantwortung der Frage einen Beitrag zu geben wünſche: Wie ſoll der Lehrerbei der vollſtändigen Lectüre eines Drama's**) in dem Unterricht verfahren?
*) Es giebt indeſſen noch einen Mittelweg, der ebenfalls ſeine Berechtigung hat. Man kann von einem Stücke, das von den Schülern, oder auch nur von einem, privatim geleſen iſt, den Inhalt in der Klaſſe erzählen laſſen und daran— auch mit Vorleſung einzelner Stellen— eine Beſprechung knüpfen. Dieſe Weiſe kann neben den beiden bezeichneten hergehen, ſie kann auch ganz an die Stelle der zweiten Art treten; aber das,
was die vollſtändige Klaſſen⸗Lectüre leiſten ſoll, kann ſie nicht erſetzen. **½) Für das Epos gilt im Weſentlichen daſſelbe.


