müſſen; ſie hatte den erſten Gatten mit Rattengift aus der Welt geſchafft; auf Haderslevhuus findet er ein holdes Mägdelein, Dagmar, und ein ſüßes Minnewerben und Liebesleben erblüht; doch das Minneleid, das die Eiferſüchtige heraufbeſchwört, bricht Dagmar das Herz, und Rolf, der zur Feier geladen iſt, ſtürzt ſich mit der toten Geliebten in den Abgrund.— Die Vielſeitigkeit Storms tritt auch hier wieder hervor, indem er auch den Zauber der Ritterherrlichkeit und des Minnedienſtes ebenſo wie die Schrecken der Peſt uns vorzuführen verſteht, und wer vergäße die plaſtiſche Schilderung der Burg mit der ragen⸗ den Pappel im Mondenlicht?—
Zu den ſozialen Novellen hönnen wir„Bötjer Baſch“(1885— 86) und„Ein Doppel⸗ gänger“(1886) zählen. Mit liebenswürdigem Humor wird in der erſten uns das Leben des braven Meiſters Daniel, das Tun und Treiben ſeines Buben geſchildert; grotesk und tragikomiſch iſt die Szene, wie der Alte auf die Kunde hin, ſein Junge ſei in Kalifornien erſtochen, und als ſein Dompfaff, an dem er mit ganzer Seele hängt, auch weggeflogen iſt, wirren Sinnes auf die Straße läuft, um ſich im „Brautloch“ zu ertränken, wie die Jungens hinterherſtürmen und die„Swemmers“ den Alten wieder herausholen; Riekchen Terebinte, ſeine Hausgenoſſin, trug ihm ſchon das Sterbehemd nach!— Der Sohn kehrt wohl und munter zurück, und ſo endet die Geſchichte gar fröhlich.
„Ein Doppelgänger“ iſt um ſo düſterer. Ein armer Arbeiter, der im Zuchthauſe geſeſſen hat, ſucht in redlichem Bemühen ſich wieder emporzubringen. Vergebens! Die harte Welt ſtößt ihn immer wieder zurück. Mit der Beobachtungsſchärfe eines Zola in„Germinal“ iſt hier das Leben und Denken eines Mannes aus dem niederen Volke geſchildert. Von humanem Geiſte iſt die Novelle durchtränkt; voll Mitgefühl fragen wir uns: Was hätte aus„John Glückſtadt“ werden können, wenn ihn das Leben anders gebildet, wenn die Welt ihn anders behandelt hätte? So treibt ihn das Verhängnis von Stufe zu Stufe; in demſelben Brunnen, in dem er ſein Glück gefunden, deſſen Tiefe er einſt ahnungslos mit dem Steine gemeſſen, den er dann einzäunen läßt und deſſen ſchützende Bretter er ſtiehlt, um ſeinem Kinde ein warmes Weihnachtsbett zu geben, findet er auf dem Wege des Diebes ſeinen Tod.—
Die Krone der Stormſchen Dichtung war ſeine letzte Novelle„Der Schimmelreiter“ (1888). Packendſte Lebenswahrheit verbindet ſich hier mit ahnungsreichem Stimmungsdufte, Kraft mit Zartheit, Tragik mit Humor. Das Leben an der Weſtſee, die unabläſſig wühlt und nagt und droht, die Geſtalten, die dieſer Boden trägt, mit ihrer Miſchung von eiſerner Willenskraft und zarteſtem Empfinden, der Aberglauben, der an Luftſpiegelungen, an die im Dämmer liegenden Halliginſeln und an das ganze von Meer und Wolken und Sturm umdräute Küſtendaſein anſchließt, rankt überall in die Erzählung hinein. So fällt ein magiſches Zwielicht auf die Begebenheiten und rückt ſie ins Un⸗ heimliche und Geſpenſtiſche. Hauke Haien iſt ein überragender Menſch, und alles, was er tut, umgibt die Unvernunft der Leute mit Mißtrauen, Argwohn, Furcht, Haß und Widerſtreben. Er hat ſich zum Deichgrafen emporgehoben und in genialer Eingebung erkannt, daß die alten Deiche zu ſteil ſind und weniger Anprall dem Meere geſtatten würden, wenn ſie ſanfter abfielen; ein neuer Deich wird nach ſeinem Plan gebaut; tauſend Demat Landes ſind dem Meere abgewonnen. Da— nach einem heftigen Sturm ſieht er ſchaudernd, daß ein neuer Waſſerlauf den alten Deich unterſpült und daß für dieſen es nur eine Rettung gibt, den Durchſtich des neuen. Vergebens ſucht er Schutz vor dieſer Erkenntnis, vergebens möchte er ſich ſelbſt die Gefahr hinwegleugnen, wenn wieder eine Sturmflut käme! Und ſie kommt, grauſiger als je zuvor. Umbrüllt von den ſchaurigen Böen hält Hauke auf ſeinem Schimmel — der alte Deich bricht!„Iſt Eure Schuld, Deichgraf, nehmt's mit vor Gottes Thron!“ ſchreit es aus dem Haufen der Arbeiter zu ihm herauf.„Herr Gott, ja, ich bekenn' es, ich habe meines Amtes ſchlecht gewaltet!“ Da ſieht er von der Werfte herab einen Wagen fahren— es iſt ſein Weib, ſein Kind— ihm entgegen— ſein Schreien fegt der Wind dahin— die Flut brauſt immer mächtiger in den Koog— Wagen und Pferd überflutend—„Das Ende!“ ſpricht Hauke und ſtürzt, dem Schimmel die Sporen in die Weichen bohrend, in den Graus hinab, um mit den Seinen zu verderben.„Der


