Aufsatz 
Zur Behandlung Theodor Storms in der Prima
Entstehung
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15 Mond ſah leuchtend aus der Höhe; aber unten auf dem Deiche war kein Leben mehr als nur die wilden Waſſer, die bald den alten Koog völlig überflutet hatten. Hauke Haien aber wurde im Laufe der Zeit zu jenemSchimmelreiter, den abergläubiſche Furcht wie den fliegenden Holländer in Sturm und Unwetter zu ſehen wähnte, wenn Gefahr nahe war.

Durch die ganze Novelle weht es wie herbe Seeluft und Sturmesatem, und nicht ohne geheimes Behagen am Schauervollen verwebt der Dichter den Volksaberglauben in die Erzählung, die er dem Schulmeiſter in den Mund legt; dieſer erzählt ſie dem Gerede der Leute nach, fügt aber aufgeklärt hinzu:So iſt es, Herr; dem Sokrates gaben ſie ein Gift zu trinken, unſern Herrn Chriſtus ſchlugen ſie ans Kreuz! Das geht in den letzten Zeiten nicht mehr ſo leicht; aber einen Gewaltsmenſchen oder einen tüchtigen Kerl, nur weil er uns um Kopfeslänge überwachſen war, zum Spuk⸗ und Nacht⸗ geſpenſt zu machen das geht noch alle Tage!

Als Storm im Jahre 1868 zum erſten Male ſeine Schriften geſammelt herausgab, da gab er dem Wunſche und der Hoffnung Ausdruck, daß ſie,dieſe Zeugniſſe ſeines Lebens, ihren Platz ſo lange behaupten möchten, bis das, was ſie etwa Eigentümliches von Bedeutung enthielten, von Nach⸗ kommenden übertroffen oder in das Allgemeinleben der Nation aufgegangen ſein werde. Dieſe Zeit iſt noch fern. Aber ſeine Nachwirkung iſt unverkennbar bei den Aelteren wie Jenſen, Heiberg und Liliencron und den Späteren wie Timm Kröger und Guſtav Frenſſen. Am tiefſten ward Storms Einfluß als Lyriker auf die jüngere Generation. Er ſollte es leider nicht mehr erleben, daß dieſe ihn begeiſtert auf den Schild erhob, denn bei ihm fanden ſie, was ſie ſuchten: eine Perſönlichkeit voll Charakter und eine perſönliche, charakteriſtiſche Kunſt; ſie fanden Klarheit der Anſchauung und Ehr⸗ lichkeit des Gefühls, Wirklichkeit des Erlebten und zugleich dieſe wundervoll poetiſche Miſchung des Phantaſtiſchen und des Realiſtiſchen. Er konnte daher, wie wenige, ihnen ein Führer werden mit der echten Künſtlerhand, in dem feinen Sinn für Maß und Schönheit, in dem tiefgründigen Herzen voll reinſter Menſchenliebe, die auch das Unbedeutende und denkleinen Mann umfaßt, und mit dem geſunden, kernigen Humor, der alle Riſſe und Widerſprüche des Lebens wohl ſcharf erkennt und tief empfindet, aber auch zugleich ſiegreich überwindet. Ueberall in der neueren Lyrik können wir Spuren ſeines Geiſtes und Hymnen auf ihn finden, wenden wir uns zu Karl Buſſe und Ludwig Jacobowski oder zu Guſtav Renner, Anna Ritter, Agnes Miegel u. a.

Ins Grab rief ihm Detlev v. Liliencron die warmen Worte nach:

Viel dunkelrote Roſen ſchütt' ich dir

Um deines Marmorſarges weiße Wände

Und ſenke meine Stirn dem kalten Stein: Du warſt ein Dichter, den ich ſehr geliebt Und den ich lieben werde bis ans Grab.

Du warſt ein Dichter denn was du erlebt, Vielleicht von einem Tropfen nur Erinnern, Trieb eine Knoſpe; welche Blume dann

Aus ihr erwuchs, das gab dir Phantaſie... Wie tief doch ſahſt du in ein Menſchenherz Und unſer Heimatland, das ernſte, treue,

Mit ewiger Feuchte, ſeltnem Sonnenblick,

Du kannteſt ſeine Art. Kein andrer wohl Nahm ſo den Erdgeruch aus Wald und Feld In ſeine Schrift wie du...*)

*) Im letzten Jahrzehnt hat ſich auch in den deutſchen Leſebüchern ein erfreulicher Wandel in der Hinſicht vollzogen, daß Dichter des 18. Jahrhunderts, zumal zweiten und dritten Ranges, durch neuere und neueſte erſetzt wurden