Aufsatz 
Zur Behandlung Theodor Storms in der Prima
Entstehung
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Mit gleicher Meiſterſchaft wird das Seemannsleben inJohn Riew dargeſtellt(1884 85), zugleich mit dem unheimlich ſich vererbenden Laſter der Trunkſucht, dem ein junges Menſchenleben zum Opfer fällt. Auch hier waltet eine wie das düſtere Leben ſelbſt vernichtende Tragik, die nur dadurch gemildert wird, daß der alte Seemann den Sohn der Unſeligen vor dem gleichen Schickſal bewahrt und ſo den grauſigen Bann der Vererbung durchbricht.

Wer vermag bei Angeborenem und Angewöhntem, wer bei Wahnvorſtellungen, die der Zeit oder dem Stande natürlich ſind, wer überhaupt bei ſo mannigfachen unüberwindlichen Schranken alles Menſchlichen, bei Verwicklungen, die keinen urſächlichen Zuſammenhang zwiſchen Charakter oder Leiden⸗ ſchaft und Schickſal kundtun, immer von Schuld zu reden? Das war auch für Storm zu eng, zu kriminalpolizeilich. Ihm galt es, nicht aus Peſſimismus heraus, ſondern aus der einfachen, freilich herben Logik der Tatſachen heraus, die oft ſo ſchreckliche Gewalt der unbarmherzigen Lebensmächte, d. h. die Wahrheit der rauhen, bitteren Wirklichkeit ungeſchminkt darzuſtellen. Das geſchieht auch in den Chroniknovellen, in deren eigenartigem Stil der Dichter ſchon in der Mitte der 70er Jahre eine hohe Vollendung erreichte, mag auch eine Uebertragung moderner Empfindung z. B. der Natur gegenüber unvermeidlich ſein. So liegt ein wunderbarer Stimmungsduft überAquis sub- mersus(1875). Es iſt eine Künſtlernovelle aus dem 17. Jahrhundert. Ein junger Maler malt ſich ins Herz eines adligen Mädchens hinein; die trunknen Junker, die ihm einen Brief abnehmen wollen, hetzen ihn mit ihren Hunden, er flüchtet auf einen Efeubaum am Turm; da klingt ein Fenſter, und eine weiße Hand zieht ihn hinein. Von höchſter Schönheit iſt dieſe Nacht geſchildert, wo er, von den furchtbaren Dämonen des Zornes, der Todesangſt und der Liebe gepeitſcht, die Geliebte in ſeine Arme ſchließt;die ſchöne, heidniſche Frau Venus geht um in ſolcher lauen, ſüßen Juninacht; der Mondſchein war am Himmel ausgetan, ein ſchwüler Ruch von Blumen hauchte durch das Fenſter, und droben überm Walde ſpielte die Nacht in ſtummen Blitzen. Nach Jahren trifft er die inzwiſchen an einen Pfarrer Vermählte wieder; ein vierjähriges Kind es iſt das ſeine ſpielt unter den Weiden, und während ſie ſich in ſüßem Weh umfangen, ertrinkt das Kind. Culpa patris aquis sub- mersus: durch die Schuld des Vaters ertrunken.

Geliek als Rook un Stoof verſchwindt, Alſo ſind ok de Minſchenkind.

Renate(1877-78) aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts iſt eine Reſignationsnovelle in Chronikform; Aberglauben und Hexenwahn zerſtören das Glück des armen Joſias; er hat dem ſterbenden Vater verſprechen müſſen, die Tochter des reichen Hofbauern nicht zu heiraten, da deſſen Haus im Verdacht der Hexerei ſteht. Lebendig ſpannende Handlung verbindet ſich mit lieblichen Landſchafts⸗ bildern, und die Zeit der religiöſen Kämpfe wird trefflich veranſchaulicht.

InEekenhof(1879) lebt der knorrige Geiſt des 17. Jahrhunderts; aber alles iſt in gewiſſer dämmeriger Unbeſtimmtheit gehalten; der Erbſohn aus erſter Ehe iſt den Söhnen der zweiten Frau wie dieſer ſelbſt ein Greuel, nicht minder ein Jungfernkind, das zwiſchen den beiden fuchſigen Knaben aufwächſt; Detlev und Heilwig lieben ſich; ſie erfahren, daß ſie eines Vaters Kinder ſind; ihre Spur verliert ſich; am Ende der Geſchichte iſt Herr Hennicke im einſam verfallenden Hauſe noch übrig, blöde, von Schuldgefühl umſponnen.

ur Chronik vom Grieshuus(188384) führt uns ins Ende des 17. Jahrhunderts und iſt von umfangreicherer Anlage; auch hier waltet ein Dämmerlicht der Stimmung; die zeitgeſchicht⸗ liche Färbung bieten die Kriege Karls XII., die Schwarmgeiſter⸗ und Wiedertäufer⸗Bewegung, Hexen⸗ verbrennung und Alamode⸗Weſen. Zwei feindliche Brüder ſtehen einander gegenüber; der eine erſchlägt den anderen; nach Jahrzehnten ereilt auch ihn am ſelben Tage wie in der Schickſalstragödie und am ſelben Orte der Tod, und gleichzeitig ſeinen geliebten Enkel.

Ein Feſt auf Haderslevhuus(1885). Herr Lambeck hat im 14. Jahrhundert auf Geheiß des Vaters eine glutäugige wildſchöne Wittib ob ihres reichen Erbgutes willen heiraten