kehrt gerne in die Arme des Geliebten zurück; reizend iſt auch hier die Stimmungsmalerei von der Jugendzeit und dann von dem erſten Wiederſehen.—
Unter den Novellen, die einen Konflikt im Eheleben behandeln, ſteht an erſter Stelle die „Späte Roſen“ überſchriebene(1859): der von Arbeit überbürdete Mann erkennt erſt ſpät, welchen ſeeliſchen Schatz er in ſeiner Frau beſitzt;„Viola tricolor“(1873) leuchtet mit banger Schärfe in die tiefen Konflikte hinab, die eine zweite Ehe hervorruft, wenn ein älteres Kind aus der erſten vor⸗ handen iſt; erſt die Geburt einer zweiten Tochter und die Krankheit der Frau löſen die Diſſonanzen in Harmonie; nur eigenes Herzenserlebnis konnte eine ſolche Fülle lebensvoller Einzelheiten zutage fördern.
„Draußen im Heidedorf“(1871) und„Waldwinkel“(1874) ſind von ſchwüler Sinn⸗ lichkeit erfüllt; dort treibt eine Slowakendirn dem Bauern wie der„weiße Alp“ die Seele aus dem Leib, und hier berückt ein verführeriſches Mädchen in Waldeseinſamkeit, die mit vollendeter Kunſt geſchildert iſt, den Mann, um ihn dann ſpäter treulos zu verraten.
In„Schweigen“(1882— 83) verheimlicht der junge Gatte ſeiner Frau, daß er in der Jugend einen Anfall von Geiſtesſtörung gehabt hat; wie ein Schreckgeſpenſt drückt ihn dies Schuld⸗ gefühl; er will ein Ende machen, und alles ſpitzt ſich auf das Tragiſche zu; da biegt der Dichter die Spitze um; der Bruch des Schweigens führt eine glückliche Wendung herbei.— Unerbittlich dagegen iſt die tragiſche Folgerichtigkeit in der Novelle„Ein Bekenntnis“(1887). Wie Heyſe in der Novelle„Auf Tod und Leben“ und in dem einaktigen Trauerſpiel„Die ſchwerſte Pflicht“, gibt Storm hier Antwort auf die Frage, ob man einem Leben bei unheilbarem Leiden zum Tode verhelfen dürfe; ein Arzt tut es bei ſeiner in namenloſen Schmerzen ſich windenden Frau; ſpäter erfährt er, daß doch eine Heilung nicht ausgeſchloſſen war, und rettet einer anderen durch Operation das Leben; doch nicht dies quält ihn ſo ſehr wie der Gedanke an die„Heiligkeit des Lebens“:„das Leben iſt eine Flamme, die über allem leuchtet, in der die Welt erſteht und untergeht; nach dem Myſterium ſoll kein Menſch, kein Mann der Wiſſenſchaft ſeine Hand ausſtrecken, wenn er's nur tut im Dienſt des Todes, denn ſie wird ruchlos gleich der des Mörders.“ Einem neu ſich ihm bietenden Glück entſagt er und büßt in Oſt⸗ afrika in aufopferndem Dienſte der Menſchenliebe, was er nach ſeiner Auffaſſung gefrevelt hat.
Mit zwingender Gewalt der Tragik und mit der vollen Schärfe des wirklichen Lebens iſt das Verhältnis zwiſchen Vater und Sohn, die ganz verſchieden geartet ſind, in„Carſten Curator“(1877) entwickelt. Die unheilvolle Macht des Blutes führt den Konflikt hervor. Der alternde Mann hat ein junges leichtſinniges Mädchen geheiratet, und der Sohn ſchlägt nach der Art ſeiner Mutter und befleckt den ehrlichen Namen ſeines Vaters mit Schande; in erſchütternden Szenen ſpielt ſich dieſe Tragödie ab; der Sohn endet bei der Sturmflut, und der Alte verfällt blödem Irrſinn.
„Hans und Heinz Kirch“(1881—82) iſt verwandter Art; der ehrgeizige Vater, der ſich heraufgearbeitet hat, ſpornt ſeinen helläugigen Sohn unabläſſig und iſt daher bitter enttäuſcht, als dieſer einer jungen Matroſendirne ſein Herz ſchenkt und trotzig in der Ferne ohne Brief und Gruß verbleibt; endlich kommt ein Brief; aber er iſt unfrankiert! Der Vater weiſt in hellem Zorn ihn zurück.— Nach Jahren kehrt ein wetterharter Menſch zurück; Wieb erkennt ihn; der Vater verſtößt ihn aufs neue und gibt dem Gerücht Glauben, es ſei garnicht der rechte.— In einer Nacht, wo der Sturm tobt, fährt er wirr aus dem Schlaf— ihm war es, er ſähe ein Schiff ſinken, ſeinen Sohn im toſenden Waſſer; jetzt weiß er: ſein Heinz iſt tot!— Seitdem iſt er gebrochen. Wieb, die Jugendgeliebte ſeines Sohnes, deren Mann ſich zu Tode getrunken, iſt ſeine ſtete Begleiterin; in der Ewigkeit hofft er ſeinen Heinz wiederzufinden, mag ihn auch der ſozialdemokratiſche Tiſchler damit verhöhnen. Knapp und herbe iſt die Darſtellung, ſcharf und ſicher die Charakteriſtik; im Kerne des Herzens weich und voll Liebe, nach außen hin hart und unerbittlich: das iſt Hans Adam Kirch.— Den„Perpendikelanſtoß“ zu der Novelle gab ein Geſchehnis in Heiligenhofen, wo ein alter Seebär den lange erſehnten Brief des verſchollen geglaubten Sohnes zurückwies, weil er nicht frankiert war.


