Aufsatz 
Zur Behandlung Theodor Storms in der Prima
Entstehung
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Nun iſt geworden, was du wollteſt, Warum denn ſchweigeſt du jetzund? Berichten mag es die Geſchichte, Doch keines Dichters froher Mund.

So vereinigt die Lyrik Storms Gefühlsinnigkeit und Sinnigkeit mit Kraft und Tiefe, Schlicht⸗ heit und Anmut mit Herbheit und Trotz, Liebe mit Haß, Frohſinn mit Schmerz und Ernſt.

Wer ſich in ſie verſenkt, dem tut ſich eine in ſich geſchloſſene Welt auf, d. h. das Innenleben einer ganzen, echten Perſönlichkeit.

Storm hat ſich immer in erſter Linie als Lyriker gefühlt; der Anlaß, Erzählungen zu ſchreiben, kam von außen; Karl Bernh. Biernatzki bat um ſolche für ſeinVolksbuch; dort erſchienen denn auch die erſten Novellen. Aber je ſpärlicher die Lieder floſſen, deſto reicher entfaltete ſich die Novellen⸗ kunſt. Wir können deutlich eine ſtufenweiſe emporſteigende Entwicklung von der lyriſchen Stimmungs⸗ novelle zu jener des pſychologiſchen Konflikts und zur epiſch⸗dramatiſchen, ja tragiſchen Novelle verfolgen.

Gewiß iſt über alle der beſondere Zauber Stormſcher Art gebreitet; er beruht in der edlen, auf das feinſte durchgearbeiteten, vielfach rhythmiſch bewegten, an zarteſten Vergleichen und Bildern reichen Sprache, in der faſt duftigen Zeichnung der Situationen, die mehr im Andeuten als im breiten Ausdeuten ſich gibt und nur ſpärlich des Dialogs ſich bedient, in der lyriſchen Naturauffaſſung, die Natur und Menſchenſeele in Einklang bringt, und in der Gedrängtheit des Aufbaus, der zum Konflikt und dann zur Kataſtrophe mit unabwendbarer Sicherheit führt. So verbinden ſich echt poetiſche An⸗ ſchauung und Empfindung mit ſchöner Form und feſſelndem Inhalt. Aber aus dem Dämmerigen, Nebelhaft⸗Verſchwommenen, das auch ein Erbteil der Romantik iſt, treten die Novellen allmählich ins hellere Tageslicht hinüber. Die Trennung von der Heimat ließ den Dichter zum Manne reifen; ſein Blick ſchärfte ſich für die Außenwelt; ſchweres Leid vertiefte ſein Inneres, und ſeine Kunſt zeitigte Früchte von herber Süße; die Wehmut verwandelte ſich in Tragik.

Eine große Mannigfaltigkeit in Gehalt, Kraft und Tiefe können wir erkennen; Konflikte pſychologiſcher Art, wie des Ehelebens, des Verhältniſſes zwiſchen Vater und Sohn, Bruder und Bruder, Konflikte religiöſer und ſozialer Natur. Bald haben wir die Form der Ich⸗Novelle mit Erinnerungen aus der Vergangenheit, bald Chronik⸗Novellen, die aus vergilbten Papieren von längſt dahingeſchwun⸗ denen Zeiten uns berichten. Wir werden heimiſch im nordiſchen Bürgerhauſe, ſei es des reichen Handelsherrn, des Patriziers und Senators, oder des Pfarrers, des Arztes, des Kollaborators und des Handwerkers, wir gewinnen einen Einblick in die Welt der Junker auf ihren Landſitzen und in die der Bauern und derkleinen Leute; die Seeſtadt mit Fiſchern und Schiffern, das Dorf mit ſeinen Bauern, die Heide mit den Zigeunern wird vor uns lebendig; junges, knoſpendes Liebesleben, reifes Mannesglück und vor allem das Zerrinnen holder Blütenträume und die grimme Zerſtörung erhoffter oder ſchon genoſſener Erdenfreuden iſt der Gegenſtand dieſer reichen Novellendichtung.

Knappe Paſtellbildchen voll lyriſchen Zaubers der Erinnerung, die halb Wonne, halb Wehmut iſt, bieten unsNarthe und ihre Uhr(1848),Im Saal(1845),Unter dem Tannen⸗ baum,Poſthuma(1849),Im Sonnenſchein(1854),Auf dem Staatshof(1858). Immenſee(1849) eröffnete die Reihe der Reſignationsnovellen; ſie iſt noch heute die verbreitetſte; mit Unrecht; daß ſie in jenen dumpfen Jahren, die politiſch auf den Menſchen laſteten, und wo in den eleganten Boudoirs Redwitz und Roquette in Goldſchnittbändchen herrſchten, als echte Poeſie empfunden und zugleich dieſen angereiht wurde, iſt kein Wunder. Aber etwas Mattes und Weichherziges und Zerfloſſenes haftet ihr doch an.

Wir ſehen einen alten Mann von einem Spaziergange heimkehren; in der Dämmerung ſetzt er ſich in ſeinen Seſſel und träumt; allmählich wird es dunkler; endlich fällt ein Mondſtrahl durch die Fenſterſcheiben auf die Gemälde an der Wand; und wie der helle Streif langſam weiter rückt, folgen die Augen des Mannes unwillkürlich; nun trifft der Schein ein kleines Bild in ſchlichtem, ſchwarzem