Aufsatz 
Zur Behandlung Theodor Storms in der Prima
Entstehung
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Mörike iſt der feine Kenner der Antike, aber an Formſinn gibt ihm Storm in den beſten Liedern kaum etwas nach, beſonders in denFrauen⸗Ritornellen undLiebesliedern verbindet er die Feinheit der Zeichnung mit echtem, heißem Gefühl; Mörike hat nicht dieſe Kraft der Leidenſchaft; er zeigt ſie romantiſch gedämpft; Storm ſcheut ſich nicht, der Macht der Sinnlichkeit ihr Recht zu geben und der verhaltenen Glut vollen Ausdruck zu verleihen:Die Stunde ſchlug,Wohl fühl' ich, wie das Leben rinnt,Du willſt es nicht in Worten ſagen; er weiß, wie alle Liebe einmal von Dur in Moll verklingt(Frauenhand,Die Zeit iſt hin,Wohl rief ich ſanft dich an mein Herz), aber auch:Wer je gelebt in Liebesarmen, der kann im Leben nie verarmen. Und alternd jubelt er: Noch einmal fiel in meinen Schoß die rote Roſe Leidenſchaft.

Storm iſt die kräftiger, individueller ausgeprägte Perſönlichkeit; ſo tiefſchmerzliche Töne des inneren Ringens mit dem Gram finden wir bei Mörike nicht wie in den GedichtenTiefe Schatten undEiner Toten(Das aber kann ich nicht vertragen) undEin Sterbender.

Markige Lebensanſchauung voll Trotz und Schroffheit verraten die GedichteFür meine

Söhne,Begrabe nur dein Liebſtes,Im Zeichen des Todes. Echte Trompetenſtöße einer glühenden Heimatliebe und eines heißen Fremdenhaſſes ſind die kraftvollen Gedichte, in denen das Schickſal Schleswig⸗Holſteins dem Dichter auf die Seele drückt; unſere Literatur kennt nur wenige ihresgleichen; denn nicht die Politik, ſondern dieGelegenheit, diegebietende Stunde hat ſie geboren, nicht die Reflexion, ſondern leidenſchaftliches Gefühl:Oſtern,Im Herbſt 1850,Gräber an der Küſte, Ein Epilog,Abſchied 1853,Gedenkſt du noch?

Ein dunkles Blatt deutſcher Geſchichte rollen uns dieſe Lieder auf; das große deutſche Vater⸗ land ließ ſchwächlich die Nordmark im Stich, und ſo griffen deren Söhne ſelbſt zur Wehr gegen den däniſchen Eindringling; Unfähigkeit des Führers wandelte den Sieg in Niederlage; deutſche Ehre ward mit den Toten begraben, und die Ueberlebenden fragten ſich:Wo werden wir im Elend ſterben müſſen; doch ſelbſtin dieſer Blütezeit der Schufte hält der Dichter an dem Glauben an die Zukunft feſt:Es kann der echte Keim des Lebens nicht ohne Frucht verloren gehn; es muß die Zeit kommen, wo dieſe deutſche Erde im Ring des großen Reiches liegt; und wenn er auch die Trikolore der Feinde auf den Dächern ſieht, er hofft auf die nachwachſende Jugend, die der Väter Schmach aus⸗ löſchen wird, und wenn er auch in die Ferne ziehen muß, mahnt er die Knaben noch einmal, während ſie in der Abſchiedsſtunde des Meeres Rauſchen und der Möven Schrei hören, ins weite Land hinaus⸗ zublicken und die Stätte ſich einzuprägen, wo ihre Wiege ſtand, dennalles andere iſt Lüge: kein Menſch gedeihet ohne Vaterland:.

Kannſt du den Sinn, den dieſe Worte führen,

In deiner Kinderſeele nicht verſtehn,

So ſoll es wie ein Schauer dich berühren

Und wie ein Pulsſchlag durch dein Leben gehn. Im November 1863 ſtarb Friedrich VII.

Des Dänenkönigs Totenglocke gellt, Mir klinget es wie Oſterglockenläuten.

Doch da die Lebenden nicht hören, ruft der Dichter in heiligem Zorn die Toten in den Gräbern von Schleswig auf: . Wacht auf, ihr Reiter! Schüttelt ab den Sand,

Beſteigt noch einmal die geſtürzten Renner! Blaſt, blaſt, ihr Jäger! Für das Vaterland Noch einen Strauß! Wir brauchen Männer, Männer!...

Doch die Zeiten erfüllten ſich; der Dichter erlebte, was er gehofft hatte: ſeine Heimat ward eine Perle in der Krone des deutſchen Reiches.