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laſſen ſie nicht wieder, den begleiten ſie durch ſeine Tage dahin, künden ihm immer wieder etwas Neues und offenbaren ihm, was in ſeiner Seele Tiefen in Duft und Dämmer lag. Denn ſo knapp das Wort, ſo keuſch zurückhaltend der Ausdruck iſt, ſo durchgeiſtigt, ſo reich und kraftvoll in ſeinen Beziehungen iſt er doch wieder; denn in dieſer Lyrik lebt eine Seele voll Liebe zur Kunſt, voll Liebe zur Natur, zum Kleinen und Unſcheinbaren, voll Liebe zum Weibe, zu den Kindern, zur Heimat, zum Vaterlande, zu den vergangenen Geſchlechtern, voll Liebe zu echtem Mannestum in Wahrhaftigkeit und Freimut. Wie Storm ſchon als Student den tiefſten Eindruck von Mörikes Gedichten erhielt, ſo ward
ihm die Seelenverwandtſchaft mit dem wackeren Schwaben ſpäter noch deutlicher; er beſuchte ihn 1855, und die„Erinnerungen“ an Eduard Mörike und der Briefwechſel zwiſchen beiden bezeugen die innige Sympathie der beiden, die in Wahrheit das Erbe Goethes in ihrer Lyrik am reinſten wahrten. Den Volksliedton trifft auch Storm, wie Mörike, trefflich im„Lied des Harfenmädchens“:„Heute, nur heute bin ich ſo ſchön“ und„Meine Mutter hat's gewollt“, und das Liedmäßige in den Liebesliedern voll geheimſter Melodie wie„Das macht, es hat die Nachtigall die ganze Nacht geſungen“,„Nun ſei mir heimlich zart und lieb“,„Schließe mir die Augen beide“,„Es iſt ein Flüſtern in der Nacht“ und be⸗ ſonders in dem herrlichen„Oktoberliede“, das in Herbſtesſtimmung und Frühlingshoffnung, in Daſeins⸗ luſt und markigem Mannesmut, ſowie in Wort⸗ und Versmelodie ſeinesgleichen ſucht, und die Würze des Ganzen iſt ein unverwüſtlicher Humor; auch ſonſt bricht dieſer hindurch wie in dem köſtlichen Ge⸗ dicht„Von Katzen“, ferner„Vom Staatskalender“,„Geſegnete Mahlzeit“,„Der Lump“, etwas herber iſt„Engel⸗Ehe“. In der Naturſymbolik berühren ſich Storm und Mörike aufs engſte; auch jener flüchtet ſich gerne an den Buſen der Natur, um auszuruhen(„O ſüßes Nichtstun“), beim Lenzesweben und Amſelſchlag iſt ihm wie Blume, Blatt und Baum(„April“), und er ſingt im„Juli“ das ahnungs⸗ reiche Lied von der mütterlichen Erde und der jungen Mutterhoffnung, und im Hochſommer ſieht er „des Kornes Wellen treiben, In blauen Wölkchen drüber ſtäuben Ein keuſch' Geheimnis der Natur“, während„im Herbſt“ der Schauer der Vergänglichkeit nicht bloß Blatt und Blume ſtreift, ſondern ihm auch aus dem melancholiſchen Licht milder Frauenaugen hervorzubrechen ſcheint. Gewißlich iſt Mörike noch elementarer, der Naturmyſtik hingegebener, dafür iſt Storm klarer und einfacher, plaſtiſcher; das bekannteſte Gedicht des noch immer wenig Gekannten iſt„Abſeits“; freilich wirkt es wie ein niederländiſches Gemälde, nur Staffage zur Naturidylle iſt der Käthner mit ſeinem Jungen vor dem niedrigen, ſonnenbeſchienenen Häuschen, aber es fehlt doch auch nicht die lyriſche Seele; aus der Welt des Geiſtes fällt ein Widerſchein auf die ſchlichte Szene in den Schlußzeilen:
Kein Klang der aufgeregten Zeit
Drang noch in dieſe Einſamkeit.— Und wer ſpürt nicht das Seelenvolle in der Strophe, die des Frühlings Nahen verkündet:
Entfeſſelt iſt die urgewalt'ge Kraft,
Die Erde quillt, die jungen Säfte tropfen,
Und alles treibt, und alles webt und ſchafft,
Des Lebens vollſte Pulſe hör' ich klopfen.
Das Plaſtiſche verwebt ſich mit dem Stimmungsvollen auch in den Gedichten„Die Stadt“, „Sommermittag“,„Meeresſtrand“,„Im Walde“,„Waldweg“; etwas Erinnerungswehmütiges durchzittert die Naturbilder„Ein grünes Blatt“,„Im Herbſte“,„Ueber die Heide“.
Der norddeutſche Dichter hängt mehr als der ſüddeutſche dem träumeriſchen Zauber der Däm⸗ merung nach; wenn der Tag im Abſterben iſt, das Licht immer gedämpfter wird und die Umriſſe ver⸗ ſchwimmen, da erwacht deſto reger das Seelenleben; da werden die Stimmen laut, die des Tages nicht zu Worte kommen; die Erinnerung webt ihre Märchenfäden; mit lindem Wohlgefühl rinnt die Zeit, und ſüßes Sinnen umfängt den wachen Träumer(„Dämmerung“,„Dämmerſtunde“,„Gode Nacht“,„An Klaus Groth“).


