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Storm war ungemein ſtreng, ja ſogar eng in der Wertung des Rein⸗Lyriſchen; er ſagt in dem Vorwort ſeines vortrefflichen„Hausbuches aus deutſchen Dichtern ſeit Claudius“(illuſtr. Ausg. 1875): „Wie ich in der Muſik hören und empfinden, in den bildenden Künſten ſchauen und empfinden will, ſo will ich in der Poeſie, wo möglich, alles drei zugleich. Von einem Kunſtwerk will ich, wie vom Leben, unmittelbar und nicht erſt durch die Vermittlung des Denkens berührt werden; am vollendetſten erſcheint mir daher das Gedicht, deſſen Wirkung zunächſt eine ſinnliche iſt, aus der ſich dann die geiſtige von ſelbſt ergibt, wie aus der Blüte die Frucht.“
Storm hat dieſe lyriſche Kunſt, deren Ideal das ſangbare Lied iſt, gepflegt ohne Pathos, ohne Reflexion und Rhetorik; er war ſelbſt durch und durch muſikaliſch; alles kam ihm auf die Wirkung von Seele zu Seele an, auf das Mitſchwingen und Mitklingen der Saiten des Innern. ¹) Seine Lyrik kennt keine Erzählungen, keine Balladen, am nächſten kommt dieſen„Eine Frühlingsnacht“, wo die blühende, klingende Welt draußen im ſchroffen Gegenſatze ſteht zu dem Sterben dadrinnen; meiſterhaft ſind die faſt nur in abgeriſſenen Hauptſätzen ſich bewegenden Zweizeilen dem düſteren Inhalt angepaßt. Lehrhafte Betrachtungen fehlen ebenfalls in dieſer Lyrik. So iſt die Ernte eines Lebens ſcheinbar nur karg; aber ein Bändchen, ſo reich in ſich und vieltönig, wie ein Menſchenherz in Liebe und Sehnen, in Hoffen und Begehren, in beglückendem Beſitz und in troſtloſem Schmerz zu ſchlagen vermag. Wer die Lieder einmal in ſich aufgenommen hat als Zeugniſſe aus einem tiefen, reifen Mannesleben, den
¹) Daß ſich in Storm ſchon frühe das Talent regte, wird niemanden wunder nehmen; bereits mit 19 Jahren ſtellte er ein Heftchen„Gedichte“ im Manuſkript zuſammen und widmete es ſeinen Eltern„als einen Beweis ſeiner Liebe und Hochachtung“. Doch verraten dieſe Gedichte noch wenig Eigenart; ſie ſind nur ein erſtes Flügelprüfen; höher ſtehen die Beiträge im„Liederbuch dreier Freunde“(1843) und„Biernatzkys Volksbuch“ brachte in den folgenden Jahren ſchon Perlen wie„Geſegnete Mahlzeit“,„Von Katzen“,„Die alten Möbeln“,„Einer Toten“,„Oktoberlied“,„Waldweg“. 1851 wurden„Sommergeſchichten und Lieder“ veröffentlicht, auf die Karl Goedeke mit warmer Anerkennung hinwies. 1852 erſchien ein Bändchen in Taſchenformat„Gedichte von Th. Storm“(Kiel, Schwers'ſche Buchhandlung). Höchſt einſichtig ſchrieb ein Rezenſent im„Hamb. Correſp.“ 7. Jan. 1853:„Das Bändchen breitet das Seelenleben eines reichbegabten Dichters vor uns aus. Jede Gabe Theodor Storms iſt eine Schöpfung des Dranges, die individuellſte Anſchauung durch den Ausdruck der Dichtung zur allgemeinen Geltung zu bringen. Und es iſt ein volles, allem Menſchlichen, der Freude und dem Schmerz, dem Ernſte und der heiteren Laune, dem Großen und dem Kleinen, der Natur und der Kunſt offenes echt deutſches Herz. Dasſelbe tiefſinnige deutſche Herz, deſſen Schlag wir durch alle deutſchen Lande hin und wieder, darüber hinaus aber nie vernehmen— dieſes deutſche Herz verſenkt ſich in das Weſen der Dinge und trägt wieder eine ganze Welt in die Dinge hinein, baut ſie dort aus und findet ſeine eigenſte Heimat in der ſelbſtgeſchaffenen Welt. Dem deut⸗ ſchen Dichter iſt dieſe Welt eine Weſenheit, an die er glaubt, ſie iſt ſeine Zuflucht aus dem rauhen Treiben des Lebens. Storm findet ſeine Welt ſtets zunächſt außer ſich, geſtaltet ſie aber im Durchgang durch ſeine reiche und tiefe Auffaſſung bis zum Bewußtwerden und zur Form ſtets ſo, daß ſie zu etwas ihm ganz Eigenen, Individuellen wird, welches ſich aber wieder durch den richtigen Griff in die Weſenheit der Erſcheinung zum allgemein Gültigen erhebt. Die Liebeslieder ſind nicht für euch, die ihr Oskar v. Redwitz' frömmelnden Unſinn für Innigheit, ſeine flache Tändelei für Dichtung der Liebe haltet, ſondern für euch, die ihr Julia, Iſolde, das Hohelied verſteht. Die meiſten Lyriker, und unter dieſen auch Geibel nur zu häufig, helfen ſich, wenn die Offenbarung ausbleibt, mit der Routine und der Phraſe. Wahre Dichter, z. B. Mörike und unſer Storm, finden nur in kleinen Kreiſen Anerkennung. Dieſer Dichter iſt ein echter Merkſtein deutſchen Weſens in dem jetzt beſtrittenen ſchleswigſchen Lande.“— Auch Wolfgang Menzels Literaturblatt(1853, Nr. 6) hebt das„vorzügliche Talent für die poetiſche Landſchafts⸗ und Genre⸗ malerei“ hervor, ſowie die rührende Innigkeit der Liebeslieder. Von dem Maulheldentum politiſcher Zeitgedichte hält ſich der Dichter mit feinem Tahkte fern, und ſein Schmerz als Schleswig⸗Holſteiner verrät ſich nur auf eine echt poetiſche Weiſe, um ſo tiefer und wahrer, je weniger ſchreiend!— Bis 1865 ſtrömte der Quell der Lieder reichlich, um hernach nur ſelten hervorzubrechen.— Der Schmerz ſeines Lebens war für Storm die geringe Beachtung ſeiner Lyrik; das trat noch in der Rede an der Feſttafel ſeines 70. Geburtstages bitter hervor. Während Geibel, der an lyriſcher Unmittelbarkeit ſich nicht mit ihm meſſen kann, an 100 Auflagen ſeiner Gedichte erlebte, während Scheffel, Bodenſtedt, Baumbach, Wolff u. v. a. den Tagesgeſchmack beherrſchten! Doch er konnte ſich damit tröſten, daß auch die lyriſchen Gaben Hebbels, Mörikes, Kellers erſt ſpät gewürdigt worden ſind. Auch liegt es auf der Hand, daß die Maſſe nur das Mittelmäßige in der Kunſt verſteht und daß gerade in der Lyrik diejenigen die meiſten Hörer finden, die durch ſtarke Accente, Rhetoriß⸗ Pathos, Reflexion oder durch Klingklang und Singſang ſich einzuſchmeicheln verſtehen.


