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1837 bezog er die Univerſität Kiel und erledigte dort fünf Jahre ſpäter, nachdem er auch in Berlin ſtudiert hatte, ſeine juriſtiſche Staatsprüfung. Zugleich trat er in enge Beziehung zu den beiden aus Garding ſtammenden Brüdern Tycho und Theodor Mommſen und gab mit ihnen das„Liederbuch dreier Freunde“ heraus(1843); Storm war hier mit 40 Gedichten vertreten, die den Einfluß Heines, Mörikes und Eichendorffs noch deutlich zeigen; er hielt zumeiſt ſie ſpäter der geſammelten Gedichte nicht mehr würdig. 1844 ließ er ſich als Advokat in Huſum nieder und vermählte ſich 1847 mit ſeinem heißge⸗ liebten Mühmchen, Konſtanze Esmarch aus Segeberg. Das junge Eheglück wurde bald durch die ſchles⸗ wig⸗holſteiniſchen Kriegswirren geſtört. Als die gute Sache des engeren Vaterlandes nach der Schlacht bei Idſtedt am 25. Juli 1850 unterlag, war des Bleibens im nunmehr däniſchen Lande für Storm nicht mehr, der aus ſeiner Geſinnung kein Hehl gemacht hatte; der Beſtätigung ſeiner Advokatur ging er verluſtig. 1853 trat er als Aſſeſſor im Kreisgericht zu Potsdam ein; er gewann engere Beziehungen in Berlin zu Eichendorff, Kugler, Heyſe und Fontane. 1856 wurde Storm Kreisrichter in Heiligenſtadt auf dem Eichsfelde; ¹) 1864 rief ihn ſeine Vaterſtadt als Landvogt zurück; doch dies Glück erkaufte er durch ſchweres Leid; 1865 wurde ihm ſein geliebtes Weib entriſſen. Seinen ſieben Kindern gab er ein Jahr darauf eine neue Mutter, Dorothea Jenſen; er nannte ſie„Frau Do“ in ſeinen Gedichten; ſie ward ihm eine treue Gefährtin; nachdem er als Amtsgerichtsrat bis 1880 in Huſum gewirkt hatte, zog er in das anmutig gelegene Hademarſchen in Holſtein, wo er am 4. Juli 1888 ſtarb.
Storm wurzelt in der Romantik; das Sehnſuchtsvolle, Verſchleierte, die ſinnige Naturmalerei, das Gedämpfte und Stimmungsreiche, die Liebe zum Volksliedmäßigen verbindet ihn mit ihr wie mit Mörike. Aber es waltet dabei Seelenverwandtſchaft, nicht Abhängigkeit vor. Denn zweierlei gibt ihm die Größe; erſtens: die innere Notwendigkeit, die Unmittelbarkeit des Empfindens, nicht Willkür und Laune und Spiel, machte ihn zum Dichter, und zwar in erſter Linie zum Lyriker, und ſodann: die Beſchränkung auf ſein engeres Gebiet, die ſcharfe Selbſtkritik machte ihn zum Meiſter.
In einem Briefe ²) aus dem Nov. 1852 ſchreibt Storm an den Literarhiſtoriker K. Goedeke die für ſein Schaffen und ſeine kritiſche Auffaſſung des Lyriſchen höchſt bedeutungsvollen Sätze:„Die Kunſtfähigkeit, im Gedichte die Stimmung, die geiſtige oder Gefühls⸗Atmoſphäre, aus welcher es ent⸗ ſpringt, zum unmittelbaren, auf den Leſer übergehenden Ausdruck zu bringen, wird eines Teils aller⸗ dings dadurch bedingt, daß jedes Wort in dem eignen Herzen oder der eigenen Phantaſie des Dichters ſeine Wurzeln habe, daß die Phraſe, das bloße Ueberkommene vermieden werde, andern Teils und mehr als durch den geiſtigen Gehalt der Worte wird dies durch den Klang derſelben erreicht, durch die Art der Satzbildung, durch den entſprechenden Wechſel ein⸗ und mehr⸗, gleich⸗ und ungleichſilbiger Worte, durch den Konſonanten⸗ oder Vokalgehalt der einzelnen Silben oder Reime, durch ihre Flüchtigkeit oder Schwere und durch unberechenbar, ungreifbar Anderes: Aſſonanz und Alliteration gehören auch dahin. Es iſt ungefähr das, was Herder in der Vorrede zu ſeinen Völkerſtimmen„die Weiſe“ nennt, aber nicht ganz; denn es iſt nicht auf das Muſikaliſche beſchränkt; in ſeiner Wirkung pflegt man es„Seele“, „Innigkeit“ zu nennen; ſelbſt gehört es aber zur Form, weil es durch nur äußerliche Mittel, durch den Klang wirkt. Nur meine ich, man müſſe in der Beurteilung poetiſcher, namentlich lyriſcher Werke von der metriſchen und proſodiſchen Form jene andere ſtreng unterſcheiden, welche mehr als dieſe Sache des Talents, weil in engerem Verhältnis zur dichteriſchen Perſönlichkeit iſt. Dies ſcheint mir die Kritik ſich nicht hinlänglich zum Bewußtſein gebracht zu haben.“
¹) Ueber die Zeit der Verbannung geben uns treffliche Aufſchlüſſe die von Gertrud Storm 1907 herausgegebenen „Briefe in die Heimat“(Berlin, Curtius); von dieſer echten Dichter⸗Tochter haben wir eine Biographie des Vaters in den nächſten Jahren zu erwarten.
²) Ich verdanke die Mitteilung meiner Freundin Gertrud Storm in Varel, die mir in uneigennützigſter Weiſe den Einblick in die ſchriftliche Hinterlaſſenſchaft ihres Vaters geſtattete.


