Aufsatz 
Zur Behandlung Theodor Storms in der Prima
Entstehung
Einzelbild herunterladen

4

Hebbel iſt der ſelbſtherrlichſte und unabhängigſte unter den nordalbingiſchen Genoſſen, ein ein⸗ ſiedleriſcher Grübler wie Ibſen; wohl verleugnen der Grundzug des Schroffen und Herben in ſeinem Charakter und ſeine Lyrik den heimatlichen Boden nicht, aber ihn, den geborenen Dramatiker, zogen die großen Fragen der Menſchheit und die hohen Gegenſtände aus Geſchichte und Sage und Leben in überwiegendem Maße an.

Storm lebt und webt in der heimatlichen Natur; wir ſpüren bei ihm Meereshauch und Heide⸗ duft; hier ſchimmert eine ſonnige Wieſe, dort dehnt ſich melancholich die braune Heide; hier grüßen uns grüne Buchenhaine und die weite See mit dem leicht verſchleierten blauen Himmel darüber, dort hören wir den Sturm ſein Weltmeerkonzert aufführen und ſehen die Wolken geſpenſtiſch dahinjagen.

Storm entſiegelte den Zauber der nordiſchen Natur, wie er vor allem dem verhaltenen, ſchweig⸗ ſam verſchloſſenen Innenleben des Norddeutſchen die Zunge löſte. Aber dabei kam es ſo recht deutlich zu Tage, daß norddeutſches und ſüddeutſches Empfinden eines Weſens ſind, wenn nur ein echter Dichter aus der Tiefe ſchöpft. Poeſie iſt Wunder, iſt Seele, und dieſe liebt die Gegenſätze, denn dieſe bedingen Bewegung, und Bewegung heißt Leben. Unbeugſame Gradheit und rückſichtsloſe Wahrheitsliebe und ſchroffes Geradezu ſind niederſächſiſch, aber iſt nicht auch der Schwabe querköpfig und offenherzig zugleich? Iſt der Hang zum Wunderbaren, zum Weichen und Träumeriſchen mehr nord⸗ oder mehr ſüddeutſch? Innigkeit und Tiefe des Gemütslebens ſind urdeutſch. Und ſo iſt auch Storm ein All⸗ deutſcher, ihn verſtand und liebte der Schwabe Mörike ebenſo ſehr wie der Schweizer Keller, und die Oeſterreicher flochten ihm eher Ruhmeskränze als ſeine Gaugenoſſen. Jeder wirklich Große iſt am ſtärkſten in ſeiner Einſeitigkeit, aber die Heimatkunſt muß aus der Enge zur Höhenkunſt empor ſich heben und in die Tiefe zugleich ſich ſenken. Dann erblüht eine Poeſie, keuſch verhalten und zart, in der eine Seele ſchluchzt, zu ſcheu, um lauten Klang zu geben, und zugleich männlich trotzig und kernig feſt.

Storm war ein ganzer, deutſcher Mann, er war aber auch ein ganzer Dichter: beides in ſeltener Einheit. Die Heimat und das perſönliche Erleben haben ſeiner Dichtung ihr ganz beſonderes Gepräge aufgedrückt; nur wer des Dichters Land und deſſen Bewohner und zugleich ſeine eigenen per⸗ ſönlichen Schickſale kennt, wird daher ihn auch ganz verſtehen. Hebbel wäre überall derſelbe geworden, ob nun ſeine Wiege in Weſſelburen ſtand oder im Schwaben⸗ oder Frankenlande; die Liebe zum hei⸗ miſchen Weſen hat Storm zum Dichter gemacht, und das Heimweh hat ihm die Reife verliehen.

In Huſum, dergrauen Stadt am Meer, iſt Theodor Storm am 14. September 1817 geboren. Sein Vater, deſſen Vorfahren aus der Gegend zwiſchen Kiel und Eckernfoerde ſtammten, war ein Ad⸗ vokat, ein ernſter, innerlich ſelbſtändiger, ehrenfeſter Mann; ſeine Mutter gehörte dem angeſehenen Huſumer Patriziergeſchlechte der Woldſen an und war eine heitere, dem Schönen zugewandte Natur; ſo etwas Klares, Leuchtendes, Liebe erweckendes fand Mörike an ihrem Weſen; der Dichter hatte die tiefen blauen Augen von ihr. Das Großelternhaus mit den alten Überlieferungen blieb ihm immer heilig; die ehrfurchtvolle Scheu vor der Vergangenheit, die in den alten Giebelhäuſern der Stadt, in Bräuchen und Sitten der Bevölkerung wie in vergilbten Familienpapieren, Silhouetten und verblaſſenden Bildern ihr Weſen trieb, ſenkte die träumeriſche Seele früh in Vergänglichkeitsſchauer; ſo hat denn auch kaum ein anderer Dichter dem Zauber der Erinnerung mit ihrem Verzichten und Entſagen, der Däm⸗ merung mit Sinnen und Grübeln, dem Verſchleierten und Ahnungsreichen des Gefühlslebens einen ſo tiefinnigen Ausdruck verliehen wie Strom. Zu alledem legte die Umgebung, Meer, Moor und Heide, die altertümliche Stadt, das Schloß mit dem Ritterſaal und das Elternhaus den Grund. Doch erſt, als er auf die Gelehrtenſchule nach Lübeck kam, trat er in nähere Beziehung zur Poeſie, unter der vortrefflichen Anleitung Johannes Claſſens, der den Literatur⸗Unterricht gab; ältere Schulfreunde, Ferdinand Röſe und Emanuel Geibel(in Lübeck 1815 geb.), führten ihn in die Dichtung Heines und der Ro⸗ mantiker(Tieck, Schlegel, Eichendorff, Mörike, E. T. A. Hoffmann) ein.