Aufsatz 
Zur Behandlung Theodor Storms in der Prima
Entstehung
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Desar Zur Behandlung Theodor Storms in Prima.

Wo dir Gottes Sonne zuerſt ſchien, wo dir die Sterne des Himmels zuerſt leuchteten, wo ſeine Blitze dir zuerſt ſeine Allmacht offenbarten und ſeine Sturmwinde dir mit heiligem Schrecken durch die Seele brauſeten, da iſt deine Liebe, da iſt dein Vaterland. Wo das erſte Menſchenauge ſich liebend über deine Wiege neigte, wo deine Mutter dich zuerſt mit Freuden auf dem Schoße trug und dein Vater dir die Lehren der Weisheit und des Chriſtentums ins Herz grub, da iſt deine Liebe, da iſt dein Vaterland.

So ſchreibt der wackere Ernſt Moritz Arndt.

Ein ſolches Heimatgefühl und ein ſolcher Familienſinn iſt in hervorſtechendem Maße die Seele norddeutſcher Dichtung, zumal der ſchleswig⸗holſteiniſchen. Vielleicht findet ſich nirgend in Deutſchland ein ſo ausgeprägter Heimatſtolz wie in Nordalbingien. Und wahrlich, dort hat die inſulare Abgeſchloſſen⸗ heit im Bunde mit günſtigen Bedingungen der Natur und Kultur eine Sonderart des Geiſteslebens groß gezogen, die ſich in einer bewundernswert großen Anzahl bedeutender Männer ausgeprägt hat. Auf allen Gebieten hat das kleine Ländchen führende Geiſter hervorgebracht, in der bildenden Kunſt ſei nur an Asmus Carſtens, Brütt, Harro Magnuſſen, in der Muſik an Karl Maria v. Weber, Reinecke, in der Geſchichtsſchreibung an Dahlmann, Waitz, Theodor Mommſen, in der Germaniſtik an Müllenhoff und Rochus von Liliencron erinnert, der zugleich in der Muſikgeſchichte Epochemachendes leiſtete und als Herausgeber der Allgemeinen deutſchen Biographie ſich die größten Verdienſte erwarb. Und welche ſtattliche Zahl von bedeutenden Dichtern brachte das 19. Jahrhundert in Schleswig⸗Holſtein hervor: Hebbel, Storm, Groth, Jenſen, Heiberg, Liliencron, Kröger, Frenſſen! Und wir fügen die Lübecker Geibel und Falke, den Hamburger Otto Ernſt, und unter den Frauen Charlotte Nieſe, Ilſe Frapan und Helene Voigt⸗Diederichs hinzu. Was gibt dieſen allen ihre Bedeutung? Es iſt die Kraft, die in der Heimatſcholle wurzelt.

In der Vereinigung von Gegenſätzen liegt der Reiz und die Bedeutung der Perſönlichkeit. Herb und knorrig und doch wieder weich und mild: das iſt der Typus ſchleswig⸗holſteiniſcher Dichterart. Und dieſe iſt ein Widerſpiel der Natur des Landes ſelbſt. Anmutig lockt die Oſtküſte mit ihren blauen Föhrden, ihren herrlichen Buchendomen, ihren ſchweigenden Seen, ihren üppigen Wieſen und Korn⸗ feldern. Und im Weſten brauſt die Nordſee an das von Dünen umgürtete Land, das in ſeinem Marſch⸗ boden unerſchöpflichen Reichtum birgt, aber auch mit dem Grün ſeiner Weiden, die von blinkenden Waſſergräben durchzogen ſind, mit den von Bäumen und Hecken umfriedeten Höfen des äſthetiſchen Reizes nicht entbehrt. Und den mittleren Streifen Landes nimmt die Geeſt ein: der Boden iſt leicht und ſandig, das Korn gedeiht hier nicht in ſeiner üppigſten Fülle, weite Strecken ſind von Kiefern be⸗ wachſen, andere ſind Moor⸗ und Heideland, unterbrochen von kurzgehaltenem Eichenbuſch und Wieſen, durch die kleine Bäche rieſeln. Aber auch über der Heide liegt ein wunderſamer Zauber; wie am Meere ergreift uns das Gefühl der Abgeſchiedenheit, der Einſamkeit und der Unendlichkeit des Raumes. Und myſtiſch klingen in der Stimmung das weite, waldloſe Land, die weite graue See, der weite graue Himmel zuſammen; Ahnung des Ewigen und Schwermut über die Flüchtigkeit und Vergänglichkeit ſchleichen ſich ins Herz. Niemand hat dieſer Landſchaft, die dem oberflächlichen Beobachter kahl und reizlos dünkt und über der ein Bann der Stummheit ausgebreitet zu liegen ſcheint, eine Sprache verliehen, ſo daß aus der Stille eine traumhafte, unſagbar ſchöne Welt von Klängen hervorquoll, wie Theodor Storm.