— 25—
und zwar die Trachinierinnen das erste, die Elektra das zweite, die Antigone das dritte. ¹) Jeder dieser Gedanken ist von allgemein sittlicher Bedeutung und eignet sich deshalb vortrefflich für die Tragödie, welche ja aus dem Bo- den sittlicher Ideen ihre reichste Nahrung zieht. Wenn wir also behaupteten, dass das erste dieser Stücke auch in Beziehung auf die Grundidee hinter den beiden andern zurückstände, so beweis't das eben Gesagte, dass unser Urtheil sich nicht auf einen quslitativen Unterschied derselben beziehen konnte, son- dern nur andeuten wollte, dass unser Drama das erste, einfachste und noch am wenigsten entwickelte der Momente der Familiensittlichkeit zum Inhalte habe.
W erfen wir von hier aus schnell noch einen Blick auf die Form der Hand- lung, so kehrt auch hier dieselbe Erscheinung wieder; auch diese ist noch von grosser Einfachheit und nicht eben reicher und mannigſaltiger Gliederung, und der Einfachheit des Grundgedankens ganz analog, während die reichere Gliederung desselben in der Elektra und der Antigone notkwendig auch eine reichere und vollere E ntwickelung der Iandlung hervortreiben musste.
Von welcher Seite wir nun auch unser Drama betrachten mögen, sei es von Seiten der Sprache, oder der Grundidee, oder endlich der Form der Hand- lung, das müssen wir zugeben, es entfaltet nicht die ganze Fülle und Herrlich- keit des sophokleischen Genius, wie er uns aus dessen übrigen Dramen ent- gegenleuchtet, und insofern nähern wir uns in Etwas der schlegel'schen Ansicht, wiewohl in dem Resultate augenblicklich die grösste Differenz eintritt. Nach der schlegel'schen Ansicht ist der Dichter einmal unter seiner gewöhnlichen Höhe geblieben und der daraus gezogene Schluss, die Tragödie sei wohl un- ächt, ist von diesem Standpunkte aus ganz consequent, ich dagegen behaupte, er hat sie noch nicht erreicht; ob mit Recht, überlasse ich der Beurtheilung Anderer. Mir wenigstens scheint es, und so kehre ich denn wieder zu dem zurück, wovon ich ausgegangen war, nicht wahrscheinlich, dass diese unvoll- kommnere, oder, um es nun richtiger zu bezeichnen, unentwickeltere Tragödie von Sophokles verfasst sein sollte, nachdem er schon mit einer Elektra und Antigone aufgetreten war; denn das quandoque bonus dormitat Iomeras ist seit Lessing gänzlich aus dem ästhetischen Codex gestrichen; und eben so wenig, wie ein Göthe die Wanderjahre und Wahlverwandtschaften vor dem Werther ²)
1) Hierin haben wir auch den Schliissel zur Erklärung des Umstandes, dass in diesen Dramen die Frauen eine weit bedeutendere Rolle spielen, als in den übrigen. Dies ist also nichts Zufälliges, sondern geht nothwendig aus dem Wesen des in denselben behandelten Siijets hervor, da es ja recht eigentlich der Beruf und das Vorrecht der Frauen ist, die Heilig- keit der Familie zu hüten und zu wahren.
2) Dass ich gerade diese Productionen als Beispiel gewählt habe, hat seinen Grund darin, weil durch dieselben gleichfalls ein und derselbe Gedanke hindurchläuft und dieser eine grosse Aehnlichkeit mit dem in unsern Dramen durchgeführten hat.
4


