wie sie eine äusserliche Aehnlichkcit durch das gleiche Gepräge des Stils haben, so nicht minder innerlich verwandt sind durch die Gleichheit des Grundge- dankens. Immer kehrt dicselbe Idee wieder, nur stets reicher und mannigfal- tiger gegliedert, voller und tiefer entwickelt, und wir bemerken auch in dieser Hlinsicht einen Fortschritt des Dichters, wie wir ihn bereits in Ansehung des Stils gefunden haben. Das Leben der Familie in seinen verschiedenen Mo- menten ist das Thema, welches Sophokles auf verschiedene Weise durchge- führt hat, und wozu er in den damaligen Zeitverhältnissen den mächtigsten Impuls ſinden musste. Die natürlichen Grundlagen, auf welchen bisher das Leben der Familie und somit des Staats, dessen Grund und Bedingung die Familic ist, sich stützte, waren, wie wir in der Einleitung auseinandergesetzt, durch die Perserkriege zertrümmert, und neue von dem sittlichen Inhalte dieses Verhältnisses durchdrungene und erfüllte Tormen mussten von dem athenischen Volke gezeugt werden. Mit tiefem Blicke durchdrang Sophokles das Räthsel seiner Zeit, und was noch als dunkler, unverstandner Inbalt, gleich einem verhüllten Reime, in der Tiefe der Gemüther lag, er gab ihm in seinen Dich- tungen Leben und Gestalt und beschwor es durch die Zauberkraft seiner Poe- sie an den hellen Tag des Bewusstseins. Den Beleg dazu liefern die Trachi- nierinnen, Elektra und Antigone, gleichsam eine neue Art der Trilogie, durch welche der Eine Gedanke, wie ein rother Faden, hindurchläuft, wiewohl jedes dieser Dramen für sich selbst wieder ein selbstständiges, in sich abgeschlosse- nes Ganze bildet. Halten wir nun dieselben in Beziehung auf den Gedanken aneinander, um uns ihren Unterschied und ihr Verhältniss zu einander klar zu machen, so finden wir, dass auch in dieser IIinsicht die Trachinierinnen hinter den beiden andern etwas zurückstehen. Dies ist nicht so zu verstehen, als ob der denselben zu Grunde liegende Gedanke weniger dichterisch, oder einem Dichter, wie Sophokles, weniger angemessen sei, eben so wenig, als ob der Dichter nicht im Stande gewesen sei, seine Intentionen vollständig heraus- zuarbeiten— dass Reines von beiden der Fall sei, ist schon nachgewiesen— sondern es soll damit nur die Stellung bezeichnet werden, welche unser Dra- ma in dem Entwickelungsgange und in der Reihe der übrigen Tragödieen des Dichters einnimmt, um von hier aus die angeregte Frage erledigen zu können. Das sittliche Leben der Familie zerfällt seiner Natur nach in drei Momente, das erste, einfachste und noch am Wwenigsten inhaltreiche ist das Verhältniss der Gatten zu einander, das zweite, schon reichere und das erste in sich ent- baltende begreift die vollständig ausgebildete und entwickelte Familie und das Verhältniss ihrer Glieder zu einander, das dritte und entwickeltste das Verhält- niss der Familie zum Allgemeinen, zum Staate. Und dieses dreifache Moment haben die drei Dramen, Trachinierinuen, Elektra und Antigone zu ihrem Inhalte,
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten


